Routes, not Roots.
John Akomfrah, Stuart Hall und das Black Audio Film Collective

John Akomfrah, „The Unfinished Conversation“, 2012, Filmstill
© Smoking Dogs Films / Courtesy Smoking Dogs Films and Lisson Gallery

13.12.2023

10 min Lesezeit

Autor*in:
Oliver Hardt
John Akomfrah

John Akomfrahs Videoarbeit „The Unfinished Conversation“ ist eine Widmung an den Kulturtheoretiker und Soziologen Stuart Hall. Der preisgekrönte Filmemacher Oliver Hardt kennt das Werk seit vielen Jahren und verrät, welche Bedeutung Stuart Hall für John Akomfrah und die Schwarze Diaspora hat.

Lorem Ipsum

John Akom­frahs Film „The Unfi­nis­hed Conver­sa­tion“ (2012), der in der Ausstel­lung „John Akomfrah. A Space of Empathy“ in der SCHIRN gezeigt wird, ist eine Hommage an den in Jamaika gebo­re­nen Sozio­lo­gen und Kultur­theo­re­ti­ker Stuart Hall (1932–2014). Die Drei­ka­nal-Video­in­stal­la­tion besteht zum größ­ten Teil aus Archiv­auf­nah­men von Halls Rund­funk- und Fern­seh­auf­trit­ten in der BBC. In diesen spricht er über seine Erin­ne­run­gen an sein Herkunfts­land Jamaika, damals noch briti­sche Kolo­nie und seine Ankunft im Verei­nig­ten König­reich in den 1950er-Jahren als Teil der soge­nann­ten Windrush-Gene­ra­tion, die die zwischen 1948 und 1971 aus den Common­wealth-Staa­ten migrier­ten Menschen umfasst. Benannt ist sie nach dem gleich­na­mi­gen Schiff, das die ersten Einwan­de­rer*innen aus der Kari­bik über den Atlan­tik brachte. Auch thema­ti­siert er seine Zeit an der Oxford-Univer­si­tät und seine spätere Rolle als Mitbe­grün­der der briti­schen Cultu­ral Studies. An einer Stelle im Film bemerkt Hall: „When I ask anyone where they’re from I expect nowa­days to be told an extre­mely long story“.

Stuart Hall

Lorem Ipsum

Er fasst damit so beiläu­fig wie bestimmt die Essenz der Schwar­zen diaspo­ri­schen Erfah­rung zusam­men, wie sie beson­ders im Verein­ten König­reich, aber auch in ande­ren euro­päi­schen Ländern bestand: So war die Ausdif­fe­ren­zie­rung jener Lebens­rea­li­tät seit den 1980er-Jahren beispiels­weise auch für Schwarze Menschen in Deutsch­land ein zentra­les Anlie­gen. Hier waren es vor allem Schwarze femi­nis­ti­sche Akti­vist*innen, die an der Sicht­bar­ma­chung ihrer Geschichte und Gegen­wart arbei­te­ten. Zu den Pionier*innen der afro­deut­schen Bewe­gung zählen neben vielen ande­ren die Dich­te­rin und Akti­vis­tin der ersten Stunde, May Ayim (1960–1996), die zeit­weise in Berlin lebende US-Schrift­stel­le­rin und Bürger­rechts­ak­ti­vis­tin Audre Lorde (1934–1992) und die Histo­ri­ke­rin Katha­rina Ogun­toye (*1959). Der Austausch zwischen den verschie­de­nen euro­päi­schen und US-ameri­ka­ni­schen Diskur­sen über Schwarze Iden­ti­tät(en) und ihren Platz in den sich hart­nä­ckig als weiß defi­nie­ren­den Gesell­schaf­ten führte zu einer tiefen Verbun­den­heit unter­ein­an­der, die bis heute nach­wirkt.

Audre Lorde, Katharina Oguntoye und May Ayim
Image via tumblr.com
Audre Lorde und May Ayim am Winterfeldtplatz in Berlin-Schöneberg
© Dagmar Schultz, Image via commons.wikimedia.org

Identität als unabgeschlossener Prozess

Wie „The Unfi­nis­hed Conver­sa­tion“ eindring­lich zeigt, speist sich Halls Über­zeu­gungs­kraft in eben jenen Diskur­sen aus seiner Fähig­keit, komplexe histo­ri­sche Zusam­men­hänge präzise und unauf­ge­regt darzu­le­gen. Akom­frahs Bild- und Tonmon­tage erwei­tert die Konver­sa­tion, indem sie den Zuschauer*innen den Raum lässt, die eige­nen Erfah­run­gen zu reflek­tie­ren. Mit der Zusam­men­stel­lung der Archiv­se­quen­zen erschafft Akom­frah eine komplexe Erzäh­lung, die die einsei­tige west­li­che Geschichts­schrei­bung in Bezug auf Iden­ti­tät und Kolo­nia­li­tät hinter­fragt und darin auch seine eigene Biogra­fie als Migrant wider­spie­gelt: 1957 in Ghana gebo­ren, kam er in den frühen 1960er-Jahren als Kind ins Vereinte König­reich.

Installationsansicht „The Unfinished Conversation“, 2012
© Schirn Kunsthalle Frankfurt 2023, Foto: Norbert Miguletz

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Stuart Hall hat sich, wie John Akom­frah auch, Zeit seines Lebens mit Fragen der Iden­ti­tät beschäf­tigt, und das auf eine Art und Weise, die uns bis heute dabei hilft, in den komple­xen Themen­fel­dern von Herkunft, Zuge­hö­rig­keit und ‚race‘ zu navi­gie­ren. In seiner 2020 auf Deutsch erschie­nen Auto­bio­gra­fie Vertrau­ter Frem­der – Ein Leben zwischen zwei Inseln schreibt er:

„Wir neigen dazu, Iden­ti­tät als etwas zu betrach­ten, das uns zu unse­ren Wurzeln zurück­bringt, als einen Teil unse­res Selbst, der über die Zeit im Wesent­li­chen gleich bleibt. Tatsäch­lich aber ist Iden­ti­tät ein nie abge­schlos­se­ner Prozess des Werdens – ein Prozess verän­der­li­cher ‚Iden­ti­fi­zie­run­gen‘, nicht eine einzelne, voll­stän­dige, fertige Daseins­form.“

Die Kultur der Kari­bik ist für Hall die Blau­pause für eine hybride Gesell­schaft, in der jeder von woan­ders herkommt. Die eigene fami­liäre Herkunft benennt er als Amal­gam aus afri­ka­ni­schen, jamai­ka­ni­schen, schot­ti­schen und portu­gie­sisch-jüdi­schen Einflüs­sen. Seine Erfah­run­gen mit einem Leben in und zwischen mehre­ren Welten führen Hall zu der Erkennt­nis, wie Kultur im Allge­mei­nen funk­tio­niert: nicht als stabile, linear fort­schrei­tende Entwick­lung, die auf ewig mit ihren vermeint­li­chen Ursprün­gen verknüpft ist, sondern als Abfolge von Bewe­gun­gen, diaspo­ri­schen Brüchen, Verschie­bun­gen und Anpas­sun­gen. ‚Routes, not roots‘ – Wege, auf denen sich Kultur seit jeher bewegt, sich stän­dig neu konfi­gu­rie­rend und ohne vermeint­li­che Wurzeln, zu denen sie zurück­keh­ren könnte.

Stuart Hall: Vertrauter Fremder. Ein Leben zwischen zwei Inseln, 2020 (Argument Verlag mit Ariadne)
Image via osiander.de
John Akomfrah in seinem Londoner Studio, 2016
© Smoking Dogs Films; Courtesy Smoking Dogs Films und Lisson Gallery; Foto: Jack Hems

Stuart Hall und das Black Audio Film Collective

Für Akom­frahs künst­le­ri­sche Arbeit war Stuart Hall als Person und als Denker stets ein wich­ti­ger Bezugs­punkt. Bereits die frühen Filme, die Akom­frah als Mitglied des 1982 gegrün­de­ten Black Audio Film Collec­tive reali­sierte, verdan­ken dem agilen Kultur­theo­re­ti­ker wich­tige Impulse. So stand von Beginn an die Dekon­struk­tion allzu simpler und mono­li­thi­scher Darstel­lun­gen Schwar­zen Lebens in den briti­schen Medien im Zentrum der künst­le­ri­schen Arbeit des Kollek­tivs.

Die 1986 erschie­nene Film­col­lage „Hand­s­worth Songs“ beschäf­tigt sich mit den Unru­hen, die das Verei­nigte König­reich unter der repres­si­ven Poli­tik Marga­ret That­chers erfuhr und der unan­ge­mes­se­nen Darstel­lung von Ereig­nis­sen und Ursa­chen in den briti­schen Medien. „Hand­s­worth Songs“ war formal wie inhalt­lich ein bahn­bre­chen­des Werk: Unter Verwen­dung von Archiv­ma­te­rial, inne­rer Mono­loge und eines ausge­klü­gel­ten Sound­tracks kreierte das Black Audio Film Collec­tive mit dem knapp einstün­di­gen Werk eine filmisch inten­sive und empa­thi­schere Darstel­lung Schwar­zer briti­scher Lebens­rea­li­tä­ten. Zugleich hinter­frag­ten sie mit ihren Arbei­ten die domi­nie­rende Auftei­lung unab­hän­gi­gen Film­schaf­fens in Erste-Welt-Avant­garde versus Dritte-Welt-Akti­vis­mus, indem sie die beste­hende Dicho­to­mie auflös­ten zu Guns­ten einer formal und inhalt­lich diffe­ren­zier­te­ren Sicht auf sich und das Zeit­ge­sche­hen.

Black Audio Film Collective: Handsworth Song, 1986
Image via artreview.com
Black Audio Film Collective: Handsworth Song, 1986
Image via artreview.com

Geschichte ist Gegenwart

Im Inter­view mit Julia Grosse, der Kura­to­rin der Frank­fur­ter Ausstel­lung, betont Akom­frah die intime Verbin­dung, die bereits zu dieser Zeit zwischen ihnen und Stuart Hall bestand: „Er war einer der weni­gen Menschen, die die erste Rohver­sion von ‚Hand­s­worth Songs‘ gese­hen haben. Wir luden ihn ein, sie anzu­schauen und dann mit uns darüber zu spre­chen, denn Stuart war damals eine wich­tige Figur im Leben vieler Schwar­zer Briten.“ Gemein­sam arbei­te­ten sie an der Dekon­struk­tion kolo­nia­ler und post­ko­lo­nia­ler Geschichts­schrei­bung und an einem neuen Verständ­nis Schwar­zer diaspo­ri­scher Iden­ti­tät. Bereits in den frühen Arbei­ten der Gruppe sind die forma­len Aspekte sicht­bar, die später konsti­tu­ie­rend für das Werk Akom­frahs werden: ein affir­ma­tiv-kriti­scher Umgang mit Archi­ven, die Dekon­struk­tion der Tonspur und das Behar­ren auf Multi­per­spek­ti­vi­tät und Diskur­si­vi­tät. In Akom­frahs raum­grei­fen­den Mehr­ka­nal-Projek­tio­nen werden diese Elemente später zum bestim­men­den Faktor für ihre intel­lek­tu­elle und sinn­li­che Inten­si­tät. Die Offen­heit der Erzäh­lun­gen ermög­licht es dem Publi­kum, an einer Konver­sa­tion teil­zu­neh­men, die geeig­net ist, den Blick auf sich selbst und auf andere grund­le­gend zu verän­dern.

„There are no stories in the riots, just ghosts of other stories.“

Black Audio Film Collective

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Ein oft zitier­ter Satz aus „Hand­s­worth Songs“ lautet: „There are no stories in the riots, just ghosts of other stories.“ Gemeint ist damit, dass jeder Kampf gegen Rassis­mus und gesell­schaft­li­che Diskri­mi­nie­rung im Kontext kolo­nia­ler Geschichte zu sehen und zu verste­hen ist. So wie Stuart Hall und John Akom­frah Iden­ti­tät als einen fort­dau­ern­den Prozess des Aushan­delns mit sich selbst und dem sozia­len Umfeld begrei­fen, so ist auch Deko­lo­ni­sie­rung nicht etwas, das irgend­wann erfolgt wäre und fortan keine Auswir­kun­gen mehr hätte. Im Gegen­teil: Geschichte ist, wie es der US-ameri­ka­ni­sche Schrift­stel­ler James Bald­win einmal formu­lierte, nicht die Vergan­gen­heit. Sie ist die Gegen­wart, etwas, das wir in uns tragen und das unser Dasein und Denken mehr bestimmt, als uns lieb ist.

Black Audio Film Collective: Handsworth Song, 1986
Image via artreview.com