Die Distel kommt als erste zurück
03.04.2025
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Unkraut findet sich meistens an den Rändern der bewohnten Welt – davon zeugt auch die Distel in Troikas „Anima Atman“. Warum ziehen die hartnäckigen Pflanzen die Kunst in ihren Bann?
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Unkraut ist unerwünscht. Für manche ist es aber auch die Keimzelle einer Utopie, ganz so, als gäbe es gute und böse Pflanzen, als wäre Unkraut politisch. Disteln, beispielsweise, sind mit ihren runden lila Blüten hübsch anzusehen, aber die Evolution hat sie mit kalkigen Stacheln ausgestattet, um die Pflanze vor Fressfeinden zu schützen. Je trockener das Klima, desto mehr Stacheln haben sie. Zweijährige Disteln bieten besonders viel Nektar für Bienen, Samen für Vögel und Blätter, auf denen sich Schmetterlingslarven wohlfühlen. Viele Distelarten, beispielsweise Cirsium vulgare, heimisch in Europa und Asien, breiten sich weit über ihren ursprünglichen Lebensraum aus und verdrängen andere Arten.
Disteln gehören zu den sogenannten Pionierarten. Auf Englisch heißt das ruderal species, abgeleitet vom lateinischen Rudus, was so viel wie Schutt bedeutet. Das ist ein bisschen irreführend, denn diese Klassifizierung heißt nur, dass die Distel dort wächst, wo ein Ökosystem gestört wurde, und das kann auch ganz natürlich geschehen. Zum Beispiel am Berghang nach einem Vulkanausbruch oder nach einem Waldbrand. Außerdem gedeihen sie dort, wo der Boden reich an Eisen, Phosphaten und Stickstoff ist. Wo nichts mehr ist, kommt die Distel als erste zurück.


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Die Ruderalpflanzen wachsen dort, wo die Natur von den Menschen gestört wurde, das beobachtete der Naturforscher Carl Linnaeus in seinen „Systema Naturae“. Das war 1758, also bevor die Welt industrialisiert wurde. Fragment und Ruine verdichten sich bald darauf in der Kunst zu Bildern und Geschichten von Melancholie und vergangener Größe. Wo Ruinen sind, ist das Unkraut nicht weit. Der Franzose Hubert Robert malte 1796 noch bestehende Bauten wie den Pariser Louvre im Verfall, und neben zerbrochenen Vasen und Menschen in sonderbar altertümlichen Gewändern ist eine Krone aus Gestrüpp Zeichen des ästhetisierten Niedergangs. Der deutsche Historiker Ferdinand Gregorovius beschrieb ein wenig später das Kolosseum in Rom als eine steinerne Vase, denn hier wuchs Gebüsch, das sonst nirgendwo in Italien zu finden war – mutmaßlich, weil die Samen von Tieren aus Afrika hergebracht wurden, die in der Arena kämpfen mussten. Unkraut ist mehr als nur Kosmetik, es ist auch das Zeichen für sehnsüchtig halbvergessene Orte.
Aber in den Städten und Gärten der Moderne war bald kein Platz mehr für Wildwuchs. Es heißt, dass die Pariser Stadtverwaltung im 19. Jahrhundert die Flechten von Bäumen entfernen ließ. Der Leipziger Arzt Daniel Gottlob Moritz Schreber wollte nicht nur unkrautfreie Kleingärten, sondern gleich einen neuen Menschen, gesund und an der frischen Luft tugendhaft geworden. Das Unkraut zu kontrollieren, wird zur Aufgabe von Gärtner*innen, Städteplaner*innen und, wie im Fall von Schreber, zur moralischen Mission. Diese Aufgabe ist freilich nicht zu bewältigen, denn die Pflanzen sind resilient und überstehen extreme Hitze und Kälte, Trockenheit und Nässe.

Die Distel als beseeltes Wesen
Effizienz und öffentlicher Hygiene werden zur Maßgabe der Moderne. Aber bald schon erzählen Kunst und Wissenschaft neue Geschichten über die vernachlässigte Vegetation, und das nicht erst seit der Begriff Anthropozän Karriere im Kulturbetrieb gemacht hat. „Die Dinge neu denken“, so lautet die Losung, und das bedeutet eben auch etwas scheinbar Unmögliches:. Der Mensch soll sich seiner destruktiven Rolle in der Ökologie bewusst werden, und sich gleichzeitig aus dem Zentrum des eigenen Weltbilds entfernen. Die Installation „Anima Atman“ der Künstler*innengruppe Troika betont zwar ihre Künstlichkeit, aber sie spricht gerade über dieses Umdenken. Die Distel wächst in einem Bett aus Silica, das wie Schutt den Boden bedeckt, die LED-Lichter flackern. Trotzdem steckt im Titel der Installation „Anima“, das lateinische Wort für Seele, sowie „Atman“, Sanskrit für Wesen. Die Distel wird damit ihrem Status als bloßes Objekt enthoben, als wäre sie empfindungsfähiger Teil eines vernetzten Bewusstseins.
Eigentlich müsste man, so schreibt die Pariser Filmwissenschaftlerin Teresa Castro, einen gemeinsamen Boden finden, einen Bereich der wechselseitigen Anerkennung von menschlichem und nicht-menschlichem Leben. Dabei denkt sie vor allem an die Repräsentation von Unkraut als Akteur in einer Welt, die schon längst voll mit Ruinen ist. Was das bedeutet, wird in Anna Lowenhaupt Tsings Buch „Der Pilz am Ende der Welt“ von 2015 deutlich, denn die Anthropologin erzählt die Geschichte der Matsutake-Pilze, die dort wachsen, wo Wälder frisch gerodet sind und an Orten größter Zerstörung. Der Legende nach war ein Matsutake-Pilz das Erste, was nach der atomaren Zerstörung von Hiroshima wieder in der Stadt wuchs. Der Pilz ist eine Pionierart, und weil er eine Delikatesse ist, sind die Preise hoch. Er lässt sich nur schwer züchten, deshalb muss er von – oft unterbezahlten – Wanderarbeiter*innen geerntet werden.
Das sei die dritte Natur, so Tsing. Die erste beschreibt rein ökologische Beziehungen, die zweite die kapitalistische Umformung der Welt. Die dritte Natur sei alles, was trotz des Kapitalismus am Leben bleibt. Man dürfe sich nicht von einfachen Fortschrittserzählungen blenden lassen, stattdessen sollte man sich die dritte Natur wie eine vielstimmige Zukunft vorstellen: ein bisschen Utopie an den vergessenen Rändern von Industrie und Kapital.
