LEE KRASNER – DIGITORIAL ZUR AUSSTELLUNG

LEE KRASNER

LEE KRASNER 11. Okt. 2019 – 12. Jan. 2020 DIGITORIAL® ZUR AUSSTELLUNG

"Die Malerei lässt sich nicht vom Leben trennen. Es ist eins. Es ist, als würde man fragen: Will ich leben? Meine Antwort ist: Ja – und ich male."

LEE KRASNER, 1960

Lee Krasners künstlerisches Schaffen ist vielseitig. Sie fordert sich selbst immer wieder aufs Neue heraus – die Veränderung ist für sie ein wichtiger Antrieb. Krasner taucht ganz in ihr Werk ein, weiß, was sie erreichen will, und lässt sich auch durch Widerstände nicht von ihren Zielen abhalten. Lee Krasner ist eine Pionierin des abstrakten Expressionismus. Nicht nur gehört sie zu den Mitbegründern dieser US-amerikanischen Avantgardebewegung, sie tritt in dieser als eine der wenigen Künstlerinnen von Beginn an führend in Erscheinung.
In einer Überblicksschau wird die große Künstlerin nach mehr als 50 Jahren wieder in Europa gewürdigt. Die Ausstellung der SCHIRN erzählt die Geschichte einer der unbeirrbarsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts.

 

Ambitionierter Anfang

In einer schlichten Malschürze mit Lappen und Pinsel in der Hand präsentiert sich Krasner als junge Malerin bei der Arbeit. Trotz der vollen roten Lippen sind ihre Züge eher streng. Ihr prüfender, abschätzender Blick zeugt von Willensstärke. Das Selbstporträt entstand im Sommer 1928 und gewährt einen Einblick in die Zeit, in der Krasner ihre künstlerische Identität erst entwickelte. Die 19-Jährige nagelte einen Spiegel an einen Baum im Garten ihres Elternhauses und bildete sich vor einer Waldkulisse ab.


Mit diesem Selbstporträt hoffte sie, in die Aktklasse der National Academy of Design in Manhattan aufgenommen zu werden. Das Gemälde war ihr besser gelungen als erwartet: Die Auswahlkommission glaubte nicht, dass es in der freien Natur entstanden war, und sprach von einem Trick. Dennoch wurde Krasner auf ihren Protest hin zum Kurs zugelassen. Später gab die Künstlerin die figürliche Malerei auf. Die permanente Auseinandersetzung mit sich selbst und dem eigenen Werk prägte aber auch weiterhin ihr Schaffen.

Lee Krasner, Self-Portrait, um 1928

EINE UNGEWÖHN­LICHE MALERIN

Die in über fünf Jahrzehnten entstandenen Werke Krasners weisen eine große Bandbreite in ihrer Bildsprache auf. Sie hat sich nie auf einen „Signature style“, eine künstlerische Handschrift festgelegt, die unverwechselbar in allen Schaffensphasen abgebildet wäre.

Lee Krasner, Combat, 1965
Lee Krasner, Nude Study from Life, 1938
Lee Krasner, Composition, 1949
Lee Krasner, Siren, 1966
Lee Krasner, Imperative, 1976
Lee Krasner, Combat, 1965
Lee Krasner, Nude Study from Life, 1938
Lee Krasner, Composition, 1949
Lee Krasner, Siren, 1966
Lee Krasner, Imperative, 1976
Lee Krasner, Combat, 1965
Lee Krasner, Nude Study from Life, 1938
Lee Krasner, Composition, 1949
Lee Krasner, Siren, 1966
Lee Krasner, Imperative, 1976

BIG APPLE

BIG APPLE

New York

Jazz, illegaler Alkohol, Partys bis zum Morgengrauen: Das Manhattan der 1920er Jahre ist Schmelztiegel und kulturelle Metropole. Lee Krasner besuchte dort die Highschool und will nach ihrem Abschluss hier unbedingt Kunst studieren.

Als die 19-jährige Lee Krasner 1926 aus dem ländlichen Brooklyn nach Manhattan zieht, trifft sie auf eine pulsierende Kunstszene. Die afroamerikanische Kulturbewegung der „Harlem Renaissance“ beeinflusst Musiker, Literaten und Maler. Im Süden Manhattans ist das Künstlerviertel Greenwich Village für seine Theaterszene und die dort lebenden, exzentrischen Schriftsteller und Literaten berühmt-berüchtigt.


Krasners Ausbildung an der Hochschule ist hingegen traditionell orientiert und beinhaltet u.a. das Zeichnen nach klassischen Gipsmodellen. Krasner stellt die konservative Lehre immer wieder infrage, weswegen ihr die Teilnahme an Kursen verwehrt wird. Bald hat sie den Ruf einer „unverschämten“ Studentin. Mit Nebenjobs wie beispielsweise Auftragsillustrationen, aber auch mit Kellnern in Greenwich Village bestreitet die Künstlerin ihren Unterhalt. Hier macht sie die Bekanntschaft vieler Kollegen. In ihrer Freizeit besucht Krasner Ausstellungen zeitgenössischer Künstler und der internationalen Avantgarde. Außerdem engagiert sie sich für eine stärkere Präsenz US-amerikanischer Künstler in New Yorker Institutionen wie dem Museum of Modern Art (MoMA).

Lee Krasner über ihr politisches Engagement

"Mir wurde eine Gruppe von Künstlern – ‘Sonderlinge’ nannte man sie – zugeteilt, mit denen ich arbeiten sollte: Baziotes, De Kooning, Pollock und andere."

LEE KRASNER, 1967

IM DIENST DER RE­GIE­RUNG

Finanzielle Schwierigkeiten zwingen Lee Krasner 1932, die Hochschule zu wechseln. Sie besucht gebührenfreie Kunstkurse am New York City College und nimmt immer wieder Jobs des „New Deal“-Konjunkturprogramms (WPA) an.

Als die USA 1941 in den Zweiten Weltkrieg eintreten, werden viele der im „New Deal“ beschäftigten Künstler zu kriegswichtigen Aufträgen herangezogen – so auch Lee Krasner. Sie wird beauftragt, verschiedene New Yorker Schaufenster mit Bekanntmachungen für die Zivilbevölkerung zu gestalten. Damit wollen die Behörden über Sicherheitskurse informieren, wie beispielsweise zu explosiven Geschützen oder zur Nachrichtenverschlüsselung. Sie leitet hierfür ein Künstlerteam, zu dem auch Jackson Pollock gehört. Krasner arbeitet mit plakativen Schriftzügen, die von Fotocollagen umgeben sind. In ihrer Gestaltung wählt sie eine zurückhaltende und auf das Wesentliche reduzierte Formsprache. Das zeugt von ihrer Kenntnis internationaler Kunstströmungen wie dem Bauhaus. Leider ist keines dieser Werke im Original erhalten geblieben.

Lee Krasner, War-Service Window, 1942

Präsident Roosevelts „New Deal“

Durch die Weltwirtschaftskrise 1929 wurden in den Folgejahren über 12 Mio. Amerikaner arbeitslos. Franklin D. Roosevelt kündigte im Wahlkampf um die Präsidentschaft 1933 ein umfassendes Reformpaket zur Bekämpfung der sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Krise an und wurde damit zum 32. Präsident der USA gewählt. Unter dem Namen „New Deal“ brachte er zahlreiche Reformmaßnahmen auf den Weg – darunter auch durch die Regierung finanzierte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen speziell für Künstler. Dieses „Public Works of Art Project“ (WPA) umfasste beispielsweise die Gestaltung öffentlicher Gebäude. Auch Krasner erhielt über viele Jahre solche Aufträge. Mit Kriegseintritt der USA 1941 wurden diese Förderprogramme in den Kriegsdienst gestellt. Im Laufe des Jahres 1943 beendete die Regierung das Projekt jedoch vollständig.

KLEINE FORMATE

KLEI­NE FOR­MATE

Lee Krasner, Shattered Color, 1947

Die erste bedeutende Werkgruppe von Lee Krasner stammt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihr Titel „Little Images“ verweist auf das relativ kleine Format der ca. 40 Ölgemälde, die in den Jahren 1946−50 entstehen.

1945 heiratet Lee Krasner den US-amerikanischen Künstler Jackson Pollock, der später zu den bekanntesten Vertretern des abstrakten Expressionismus gehören wird. Kurz danach lässt sich das Paar dauerhaft in Springs auf Long Island nieder, ungefähr 200 Kilometer von New York entfernt. Hier kaufen Krasner und Pollock ein Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert – mit einem Darlehen, dass Pollocks Mäzenin und Galeristin Peggy Guggenheim ihnen dafür gewährt.

Krasner, die sich vor dem Umzug in einer kreativen Sackgasse befand, entwickelt nun in der Natur eine neue Bildsprache. Sie verwandelt das Schlafzimmer ihres neuen Hauses in eine provisorische Werkstatt und beginnt mit der Arbeit an den „Little Images“. Die Leinwände legt sie dabei flach auf einen Tisch und schafft lebhafte, flimmernde Abstraktionen. Die Künstlerin arbeitet dabei stets mit Öl, statt mit schnell trocknenden Acrylfarben, die sie zu dicht und undurchlässig findet. Mal trägt sie Farbe in mehreren Schichten mit dem Malmesser auf. Mal überzieht sie die Leinwand mit einem Muster aus verdünnter Ölfarbe, deren Beschaffenheit einen langsamen und kontrollierenden Farbauftrag ermöglicht.

Die dynamische Komposition von „Abstract No. 2“ zeugt bei genauerer Betrachtung von einer genau durchdachten Ausführung. Die Bildoberfläche wird von einer Struktur aus dick aufgetragenen, vergleichbar großen Farbflecken beherrscht. Ihre regelmäßige Anordnung sowie die kontrastreichen Farbkombinationen rufen Assoziationen mit einem Mosaik hervor: Die Pigmentflecken sind, wie kleine Steinchen, sorgfältig nebeneinander platziert.

Kennzeichnend für Krasners Arbeiten dieser Zeit ist die Technik des „All-over“: Durch die kontinuierliche Reihung der Bildelemente scheint die Komposition keinen Mittelpunkt zu besitzen und tritt über die Bildgrenze der Leinwand hinaus. Somit vollzieht Krasner einen für den abstrakten Expressionismus wesentlichen Entwicklungsschritt vom traditionellen, begrenzten, zum abstrakten, „entgrenzten“ Bildraum.

Lee Krasner, Abstract No. 2, 1946–48

"Enorme physische Größe kann auch ohne Aussage bleiben… Und umgekehrt kann ein winziges Gemälde doch monumental in der Wirkung sein."

LEE KRASNER, 1979

Abstrakter Expressionismus

Eine Gruppe US-amerikanischer Künstler, suchte in den 1940er- und 1950er-Jahren nach einer neuen bildnerischen Sprache, die der Welt nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg gerecht würde. Zur Gruppe gehörten so unterschiedlich arbeitende Vertreter wie Lee Krasner, Barnett Newman, Mark Rothko oder Jackson Pollock, die als sogenannte New York School bekannt wurden und stilistisch unter dem Sammelbegriff "Abstrakter Expressionismus" firmieren. Ein rascher, rhythmischer Farbauftrag, laufende Farbmassen und sichtbare Spuren von Pinseln, Spachteln und Fingern sowie der Verzicht auf Gegenständlichkeit machen die oft großformatigen Werke aus. Die persönlichen Emotionen und die Individualität der Künstler werden über das materielle Feld der Leinwand vermittelt. Dies geschieht nicht mithilfe figürlicher Inhalte, sondern durch die gestische Hervorhebung des künstlerischen Ausdrucks, beispielsweise durch das scheinbar spontane Tropfen der Farbe.

Um die Persönlichkeit des Künstlers in seinem Werk zum Ausdruck zu bringen, ließen sich die abstrakten Expressionisten zunächst stark von den avantgardistischen Kunstströmungen Europas beeinflussen, insbesondere dem Surrealismus und seiner Formensprache des Unbewussten. Letztendlich lösen sich die Künstler der New York School von den europäischen Wurzeln.

Ab Mitte der 1950er-Jahre gewann der abstrakte Expressionismus internationale Anerkennung und avancierte zum zentralen, das nationale Selbstverständnis spiegelnden Malstil der USA. In der Zeit des Kalten Krieges wurde die Kunst der New York School, die eine freiheitliche Entfaltung des Individuums anstrebte, zum US-amerikanischen Aushängeschild.

In der ersten Generation der abstrakten Expressionisten, während der 1940-er Jahre, waren Lee Krasner und Elaine de Kooning nahezu die einzigen Künstlerinnen. Ohne die beiden Malerinnen hätte die künstlerische Bewegung nicht existiert, jedoch, wie in so vielen Fällen, fokussierte die Kunstgeschichtsschreibung ausschließlich auf deren männliche Mitglieder. Joan Mitchell, Helen Frankenthaler und Grace Hartigan spielten für die zweite Generation des abstrakten Expressionismus, während der 1950-er Jahre eine wichtige Rolle. Kunstwerke aller fünf Frauen wurden vom 21. Mai 1951 an gleichberechtigt mit männlichen Künstlern wie Hans Hofmann oder Jackson Pollock in der "Ninth Street Show" gezeigt. Die Ausstellung war ein großer Erfolg und gilt als Initialzündung für die New York School-Avantgarde.

  • Lee Krasner, Mosaic Table, 1947

    Diesen Mosaiktisch kreiert Krasner aus einem alten Wagenrad, das sie in der Scheune gefunden hat. Für die Tischplatte verwendet sie Steine, die von einem Mosaik Pollocks übriggeblieben sind. Außerdem nutzt die Künstlerin Glasscherben, flach gehämmerten Modeschmuck und Schlüssel, aber auch Muscheln, die sie von ihren Spaziergängen nach Hause gebracht hat. Pollock gießt Beton darauf, um alles zu fixieren.

  • Lee Krasner, Stop and Go, 1949/50

    Kleine, sich wiederholende Dreiecke, Quadrate und Rauten sind auf einem runden Holzbrett dicht nebeneinandergesetzt. Im Gegensatz zu den organisch anmutenden Formen des Mosaiktisches erinnert das Oberflächenmuster dieses Gemäldes an Hieroglyphen. Dies zeugt von Krasners Interesse für Kalligraphie und speziell für die hebräische Schrift, die sie als Kind russisch-jüdischer Emigranten zwar schreiben, aber nicht lesen lernte. Auch die Tatsache, dass die Künstlerin ihre Gemälde oben auf der rechten Seite zu malen begann, könnte mit der von rechts nach links geschriebenen hebräischen Schrift zusammenhängen.

RECYCLING

RECY­CLING

Lee Krasner, Burning Candles, 1955

Lee Krasner entwickelt nie einen „Signature style“. Stattdessen reflektiert sie ihre Praxis immer wieder und „recycelt“ frühere Werke mit dem Anspruch, ihre Bildsprache stets neu zu erfinden. Ohne die Zerstörung und Überarbeitung alter und die darauffolgende Schöpfung neuer Werke ist ihre Kunst nicht vorstellbar.

1951 zeigt Krasner eine Reihe großformatiger abstrakter Gemälde in ihrer ersten Einzelausstellung in der New Yorker Betty Parsons Gallery. Die Tatsache, dass keine einzige der 14 Arbeiten verkauft wird, löst bei der Künstlerin tiefe Selbstzweifel aus. Sie beginnt an einer Serie von Schwarz-Weiß-Zeichnungen zu arbeiten in der Hoffnung, auf diese Weise in die nächste Schaffensphase zu kommen. Die Zeichnungen befestigt sie an den Wänden ihres neuen Ateliers, das sie in einem kleinen Gebäude neben dem Haus eingerichtet hat. Doch eines Tages empfindet sie die Zeichnungen als „unerträglich“ und zerreißt sie. 

Als sie das Atelier mehrere Wochen später wieder betritt, weckt die Anordnung der Papierfetzen auf dem Boden ihr Interesse. Krasner beginnt, die zerrissenen Teile aufzusammeln, neu anzuordnen und zusammen zu kleben. So entsteht eine Reihe von Collagen, die in ihrer zweiten Einzelausstellung im September 1955 in der Stable Gallery zu sehen ist. Diese Ausstellung ist ein Erfolg! 

"Ich bin nie frei von der Vergangenheit, ich glaube an Kontinuität."

LEE KRASNER, 1979

COL­LAGE PAINT­INGS

Als Bildträger für die ersten in den 1950er-Jahren entstandenen Collagen dienen Krasner die Gemälde, die sie in der Betty Parsons Gallery ausgestellt hat. Auf diese klebt sie, teilweise über- und nebeneinander, nicht nur Reste der eigenen Werke, sondern auch Stücke von Sacktuch, Zeitungen und schwarzem Fotopapier. Einige Partien führt sie dabei mit dem Pinsel aus.

  • Lee Krasner, Bird Talk, 1955
  • Lee Krasner, Milkweed, 1955
  • Lee Krasner, Bald Eagle, 1955

Die Konturen der zerrissenen Leinwandstücke und die sich überlappenden Farbfelder ermöglichen Krasner, neue räumliche Beziehungen auszuloten. Die kontrastreichen Farben in verschiedenen Helligkeitswerten verstärken den Eindruck einzelner Bildebenen. Obwohl die Künstlerin die Form der einzelnen Elemente bestimmt, vermeidet sie den Eindruck einer bemühten Komposition. Das Form- und Farbarrangement scheint frei und spontan gefunden zu sein. 

Einige der von Krasner verwendeten zerrissenen Papierstücke tragen Pollocks Handschrift. So stammen die Elemente mit schwarzen Farbspritzern in „Bald Eagle“ − darunter das Stück im Zentrum des Bildes, dessen Form an einen Adlerkopf erinnert − von einer verworfenen Zeichnung, an der Pollock gearbeitet hat.

ELEVEN WAYS

Mitte der 1970er-Jahre greift Lee Krasner das Prinzip des „Recycling“ in einer neuen Collagen-Serie wieder auf. Insgesamt elf Collagen, jede nach einer Zeitform benannt, stellt sie 1977 unter dem Titel „Eleven Ways to Use the Words to See“ (dt. Elf Arten, mit Worten zu sehen) in der New Yorker Pace Gallery aus.

Chirurgisch präzise und gleichzeitig visuell dissonant erscheint die Anordnung der einzelnen Elemente in „Imperfect Indicative“. Für diese und andere Collagen zerschneidet Krasner Kohlezeichnungen aus ihrer Studienzeit bei dem in die USA emigrierten deutschen Künstler Hans Hofmann. Die spitzwinkligen Formen der Collage spiegeln die dynamische Linienführung der Original-Zeichnungen wider. Manche Bereiche der Leinwand bleiben leer. Dadurch bekommen die einzelnen Zeichnungsfragmente mehr Raum – vergleichbar mit dem leeren Raum um ein Modell im Atelier. Einige der Kohleabdrücke auf der Rückseite der Blätter bezieht Krasner ebenfalls mit ein.
 

Indem Krasner ihre frühen Zeichnungen zerschneidet, überträgt sie die eigene Vergangenheit (als Schülerin von Hofmann) in eine neue Dimension. Mit unterschiedlichen Zeitformen betitelt, offenbaren die Collagen Krasners kompliziertes Verhältnis zu diesen frühen Werken. In „Imperfect Indicative“ belässt die Künstlerin einige der Zeichnungen ganz, und dadurch gebunden an die Vergangenheit. Die anderen zerschneidet sie hingegen und fügt sie zu abstrakten Kompositionen zusammen. Diese Zeichnungsfragmente enthalten nur wenige Spuren ihrer früheren Identität und zeugen von Krasners Wunsch, sich weiterzuentwickeln.

Lee Krasner, Imperfect Indicative, 1976

Studium der europäischen Moderne

1937 erhielt Krasner ein Stipendium für den Besuch der Hans Hofmann School of Fine Arts in New York. Nach einer streng akademischen Ausbildung war dies nun die Gelegenheit, sich mit den Errungenschaften der europäischen Malerei der Moderne auseinanderzusetzen. Hofmann stammte aus Deutschland, hatte aber einige Jahre in Paris gelebt, wo er die Bekanntschaft von Pablo Picasso und Henri Matisse machte. Krasner bewunderte die beiden Künstler. Nun wurde sie ermutigt, die stilistischen Neuerungen der Moderne selbst zu erproben.

Hofmann vermittelte die kubistische Theorie. Besonderen Schwerpunkt legte er dabei auf die Spannung zwischen Fläche und Dreidimensionalität. Diese sollte durch die Technik des „Push and pull“ bzw. durch das Ausdehnen und Zusammenziehen aktiver und passiver Kräfte im Bild erreicht werden. Seine Annäherung an das Modell unterschied sich radikal von Krasners bisheriger Ausbildung: Er richtete die Aufmerksamkeit nicht auf einzelne Partien des Körpers. Stattdessen arrangierte er Objekte um das Modell und beleuchtete die Szene dramatisch. Damit erzeugte er eine räumliche Spannung und betonte das Verhältnis von Figur und Raum.

In der Kohlezeichnung „Nude Study from Life“ abstrahiert Krasner das figürliche Vorbild gemäß den kubistischen Grundsätzen. Der Akt wird allmählich in Flächen aufgelöst und im nächsten Schritt neu zusammengesetzt. Schwarze Linien umreißen die Konturen.

Lee Krasner, Nude Study from Life, 1940

PROPHEZEIUNG

PRO­PHE­ZEI­UNG

Lee Krasner, Embrace, 1956

Krasner arbeitet 1956 an einem Gemälde, das sich in seiner Rückkehr zu figürlichen Formen von allen bisherigen grundlegend unterscheidet. Dieses Werk löst in ihr große Unsicherheit aus. Pollock überzeugt sie jedoch, die Arbeit daran fortzusetzen. "Prophecy" (dt. Prophezeiung) wird Krasner das Werk später nennen − im Rückblick auf die dramatischen Ereignisse dieses Jahres.

Ineinander verschlungene, organisch anmutende Formen mit schwarzen Konturen beherrschen die Leinwand. Die pinkroten Akzente verstärken den Eindruck der Darstellung von Körperlichkeit. „Prophecy“ entsteht in einer Zeit, in der Jackson Pollocks Trunksucht die Ehe zunehmend belastet. Um etwas Abstand zu gewinnen, beschließt Krasner, die gemeinsam geplante Europareise alleine anzutreten. Das Gemälde bleibt während ihrer Abwesenheit auf der Staffelei stehen.

Lee Krasner, Prophecy, 1956

In Frankreich begeistert sich Krasner für den Pariser Louvre und die Kathedrale von Chartres. Sie reist auch an die französische Riviera. Kurz nach ihrer Rückkehr nach Paris erfährt sie, dass Pollock in seinem Wagen in eine Baumgruppe gerast und tödlich verunglückt ist. Seine Geliebte, Ruth Kligman, die mit ihm im Auto saß, hatte überlebt, ihre Freundin Edith Metzger wurde ebenfalls in den Tod gerissen. Krasner, mit 47 Jahren auf einmal Witwe, fliegt noch am selben Abend zurück nach New York.

Wenige Wochen nach Pollocks Beerdigung setzt sie die mit „Prophecy“ begonnene Serie fort. Dabei kehrt Krasner zu einer an den Kubismus angelehnten Figürlichkeit zurück, wie sie in Pablo Picassos Gemälde „Les Demoiselles d’Avignon“ zum Ausdruck kommt. Auch die Farbigkeit der dabei entstandenen Werke erinnert an Picassos Gemälde. 

  • Pablo Picasso, Les Demoiselles d’Avignon, 1907

    Fünf weibliche Figuren werden in Einzelfragmente zerlegt und zugleich aus unterschiedlichen Blickwinkeln gezeigt. Die verzerrten Gesichtszüge der beiden Figuren auf der rechten Bildseite erinnern an afrikanische Masken, die Picasso im Pariser „Musée de l’Homme“ als Vorbild für seine Arbeit entdeckt hatte. Der Künstler verwendet in diesem Schlüsselwerk für den Kubismus eine gedämpfte Farbpalette dominiert von Rotbraun, Weiß und Blau. Wie auf einer Bühne präsentiert, wirken die Frauen einerseits vital und selbstsicher, gleichzeitig aber entstellt und aggressiv.

  • Lee Krasner, Three in Two, 1956

    Die Bildoberfläche wird von einem Durcheinander beherrscht: Verdrehte fleischfarbene Gliedmaßen, verschlungene Körperteile und glotzende Augen. Die Bildelemente rufen Assoziationen mit einer aus dem Unbewussten aufsteigenden menschlichen Figuration hervor und spielen auf Urthemen wie Geburt, Tod und Wiedergeburt an. Das tiefe Schwarz und das satte Rot lassen die Szene ebenso gewalttätig wie erotisch wirken.

Künstlerische Vorbilder

Eine entscheidende Rolle bei der Etablierung der Moderne in den USA spielten die Museen. Das 1929 eröffnete Museum of Modern Art – das erste dieser Art überhaupt – zeigte in den 1930er-Jahren die Ausstellungen „Cubism and Abstract Art“ und „Fantastic Art, Dada and Surrealism“ sowie eine umfangreiche Retrospektive von Picasso. 1939 wurde das Museum of Non-Objective Painting, später Solomon R. Guggenheim Museum genannt, eröffnet. Seine Sammlung konzentrierte sich anfangs stark auf die abstrakte Malerei und umfasste u. a. die zentralen Werke von Wassily Kandinsky.

All das führte dazu, dass die New Yorker Künstler, darunter auch Lee Krasner, gut über die Entwicklung der modernen europäischen Kunst informiert waren. Das Museum of Modern Art besuchte Krasner kurz nach seiner Eröffnung 1929. Insbesondere die kubistischen Werke von Pablo Picasso, die geometrisch-abstrakte Bildsprache von Piet Mondrian und der subjektive Einsatz von Farbe bei Henri Matisse weckten ihr künstlerisches Interesse. Diese Künstler wurden zu ihren Vorbildern.

GIGANTISCHE FORMATE

GI­GAN­TI­SCHE FOR­MATE

Lee Krasner, Another Storm, 1963

Lee Krasner bezieht 1957 das Atelier ihres verstorbenen Mannes. Der neugewonnene Platz ermöglicht ihr, in großen Formaten zu arbeiten. Sie leidet unter chronischen Schlafstörungen und arbeitet nun vor allem nachts.

Als versierte Künstlerin weiß Krasner, dass das Kunstlicht nachts die Farben ihrer Werke verfälscht wiedergeben würde. Für die in dieser Zeit entstandenen Bilder der „Night Journeys“ (dt. nächtliche Reisen) reduziert sie daher bewusst ihre Farbpalette auf Weiß- und Umbratöne. Die großformatigen Leinwände füllt Krasner mit kraftvollen Gesten und rhythmischen Pinselschwüngen. Die „Night Journeys“ werden zu ihren expressivsten Werken.
In den frühen 1960er-Jahren setzt Krasner die Arbeit in großen Formaten und in gestischer Malerei ohne Vorstudien fort. Anstelle der fast monochromen Palette setzt sie nun aber starke, leuchtende Farben in den Gemälden ein.

Lee Krasner, Polar Stampede, 1960

Künstlerkolonie Long Island

Lee Krasner und Jackson Pollock waren begeisterte Gastgeber. Freunde, Galeristen und Künstlerkollegen besuchten sie in ihrem Haus in Springs, Long Island, wie beispielsweise die Malerin Vita Petersen. Eines ihrer Nebengebäude bauten die beiden zu einem Gästehaus um.
Immer schon Anziehungspunkt von Literaten und Philosophen, entwickelte sich das östliche Long Island gerade in den 1940er- und 1950er-Jahren zu einer Künstlerkolonie – nicht zuletzt durch Pollock und Krasner. Weitere Kulturschaffende sollten folgen: 1957 eröffnete die Signa Gallery in East Hampton, auch die Maler Willem de Kooning, Mark Rothko und Franz Kline ließen sich in der Umgebung nieder. Der Karikaturist Tomi Ungerer teilte sich eine Zeitlang ein Haus mit dem Schriftsteller Philipp Roth. Später, in den 1970er-Jahren, erwarb auch Andy Warhol ein Anwesen in Montauk, an der östlichsten Spitze der Insel.
Nur drei Autostunden von Manhattan entfernt, bot die Insel ländliche Abgeschiedenheit und günstige Lebenshaltungskosten. Nach Pollocks Tod wird Lee Krasner diese Abgeschiedenheit zu viel und sie mietet eine Zweitwohnung in Manhattan an, zu der sie immer wieder pendelt.
Bis heute entfliehen New Yorker dem stressigen Stadtleben nach Long Island, allerdings hat sich in der allgemeinen Wahrnehmung die Insel zum Ferienort der Oberschicht entwickelt. Das ehemalige Bauernhaus von Lee Krasner und Jackson Pollock ist heute ein Museum.

Lee Krasner über ihre Wahrnehmung seitens der Kunstwelt

SPÄTER ERFOLG

SPÄ­TER ER­FOLG

Lee Krasner, Palingenesis, 1971

Laute Farbflächen, scharf umrissene Konturen, dynamische Formen: Was wie mit flüchtiger Schere ausgeschnittene und sich überlagernd collagierte Materialien wirkt, sind die durchdachten Kompositionen Krasners letzter Werkserie in Öl auf Leinwand.

Wieder einmal vollzieht Lee Krasner mit ihrer jüngsten Serie einen radikalen stilistischen Wandel und erfindet sich künstlerisch neu. Gleichzeitig gibt es in den abgegrenzten Farbflächen Anknüpfungspunkte zu ihren frühen Collagen für die New Yorker Schaufenster der 1930er-Jahre. Die zwölf Werke, die in den beiden davorliegenden Jahren entstanden sind, stellt sie 1973 in der New Yorker Marlborough Gallery aus. Mit überwältigendem Erfolg! Die Kritiker überschlagen sich vor Lob: Die New York Times bezeichnet sie als „die bei weitem beste Ausstellung“ Krasners, während die renommierte Kuratorin Barbara Rose von einem „Durchbruch“ spricht. Der Titel eines der Hauptwerke, „Palingenesis“ (dt. Wiedergeburt), scheint rückblickend programmatisch für ihr gesamtes Schaffen.

Lee Krasner, Olympic, 1974
Lee Krasners über ihr Kunstschaffen

FACETTENREICHES SCHAFFEN

FA­CET­TEN­REI­CHES SCHAF­FEN

Lee Krasner lebt ihre Kunst, sie taucht tief in ihre Arbeit ein. All ihre Schaffensperioden, ob in ihren Anfangsjahren in New York oder später auf Long Island, spiegeln die Vielseitigkeit ihres künstlerischen Selbstverständnisses wider und bringen jeweils ganz unterschiedliche Phasen ihrer persönlichen Reife zum Ausdruck. Die Veränderungen, die das Leben mit sich bringt, macht sie sich produktiv nutzbar. Wenn sie den Eindruck hat, in ihrer Kunst zu stagnieren, schlägt sie neue Wege ein und entwickelte neue Ausdrucksformen. Die Ausstellung der SCHIRN zelebriert Krasners künstlerische Wandlungsfähigkeit, stellt den Facettenreichtum ihrer Kunst und ihre wichtigsten Werke vor.

"Das einzig Beständige im Leben ist Veränderung."

LEE KRASNER, 1977

GE­HEIM­TIPP

Lee Krasner, Through Blue, 1963

Während eines Spaziergangs im Sommer 1963 wird Lee Krasner schwindlig, sie stürzt und bricht sich den rechten Arm. Obwohl ihre Arbeitshand nun eingegipst ist, beschließt die Künstlerin weiter zu arbeiten. Sie führt mit den Fingerspitzen ihrer rechten Hand die Bewegung der linken und drückt die Farbe direkt aus der Tube auf. Die so entstandenen Werke, zu denen auch „Through Blue“ gehört, strahlen trotz des großen Formats eine gewisse Intimität aus – vielleicht wegen Krasners physischer Nähe zur Leinwand während des Malens.