DIGITORIAL® ZUR AUSSTELLUNG

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Kara Walker A Black Hole Is Everything A Star Longs To Be 15. Okt. 2021 – 16. Jan. 2022

‘merica, 2016, Blatt aus der Serie „The Gross Clinician Presents: Pater Gravidam”, 2018 (Detail)

Der Programmierer Jacky Alciné aus Brooklyn wunderte sich 2015, dass der damals noch neue Google-Foto-Dienst in der Sortierung seiner privaten Fotos einen Unterordner „Gorillas“ angelegt hatte. In dem Ordner entdeckte er ca. 80 Fotos: Sie zeigten Freundinnen und Freunde von ihm, die Schwarz sind. Die Bilderkennungssoftware hatte offensichtlich keinen Unterschied zwischen Schwarzen Menschen und Gorillas gemacht. Drei Jahre später behob Google das Problem – nicht etwa, indem es den Algorithmus geändert hätte, sondern indem es einfach nur die Ordnerkategorie löschte.

Dies ist nur ein Beispiel rassistischen Agierens von Software gegenüber Schwarzen Menschen. Mal trifft die Diskriminierung den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, dessen Gesicht von digitalen Programmen nicht erkannt wird, obwohl er weltweit zu den prominentesten Männern zählt. Ein anderes Mal stellen Schwarze Userinnen und User fest, dass Foto-Software ihre Gesichter nicht erkennt, aber weiße Masken, die sie sich überziehen, als solche identifizieren kann. Ein weiteres Beispiel sind kontaktlose Wasserhähne auf öffentlichen Toiletten, die bei Schwarzen Menschen nicht funktionieren, weil ihre Haut von den Sensoren nicht erkannt wird.

Immer wieder beschäftigt sich die Schwarze Künstlerin Kara Walker mit den allgegenwärtigen Themen Machtmissbrauch, Gewalt, sexualisierte Körper, Gender – sowohl in unserer Gegenwart als auch in der Geschichte. In teils drastischer und expliziter, aber auch karikierender Bildsprache hält sie der Gesellschaft den Spiegel vor.


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WERK EINER SERIE MIT 44 BLÄTTERN, OHNE TITEL, 2019

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WERK EINER SERIE MIT 44 BLÄTTERN, OHNE TITEL, 2019

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Anti-Schwarzer Rassismus

Anti-Schwarzer Rassismus kann als „rassistisches und diskriminierendes Verhalten“ bezeichnet werden, das sich gezielt gegen Schwarze Menschen richtet. Diese spezifische Form des Rassismus beruht auf der Annahme, dass das Denken, die Körper und die Vorstellungen Schwarzer Menschen weniger wert seien als die von nicht-Schwarzen Menschen. Der Begriff fasst die Schwierigkeiten sowie die Unterdrückung und Repressionen, denen Schwarze Menschen seit mehreren Jahrtausenden ausgesetzt sind, zusammen. Je nach Zeit und Ort kann diese diskriminierende Praxis in unterschiedlichen Ausprägungen historisch durch die verschiedenen Phasen des Altertums, des Mittelalters, der Neuzeit und bis in die Gegenwart verfolgt werden. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch Geschichte und Weltregionen und hatte oftmals schwerwiegende – in vielen Fällen tödliche – Folgen für Schwarze Menschen und ihre Familien. Wichtige historische Beispiele, die von dieser Dehumanisierung erzählen, sind der Handel mit versklavten Menschen im Indischen Ozean sowie der Transatlantische Menschenhandel. Beispiele aus der Gegenwart in Ländern wie Brasilien und den USA demonstrieren, dass Menschen in Schwarzen Communities eher gefährdet sind, an Krankheiten wie Covid-19 zu sterben oder von Wählerunterdrückung und beschränktem Zugang zu Bildung betroffen sind. Ebenso von Polizeigewalt und Racial Profiling – ein Problem, das sich auch in Ländern wie Deutschland zeigt.

Wie in den meisten Regionen der Welt gibt es auch in Deutschland eine lange Geschichte des Anti-Schwarzen Rassismus. Nach der gewaltsamen Kolonisierung bestimmter Teile des westlichen, südlichen und östlichen Afrikas implementierten deutsche Behörden im frühen 20. Jahrhundert sogenannte „Rassentrennungsgesetze“, die sicherstellten, dass den Kindern von weißen Kolonisatoren und Schwarzen kolonisierten Menschen das Recht auf eine deutsche Staatsangehörigkeit verwehrt wurde. Obwohl diese gegen Schwarze Menschen gerichtete Praxis offiziell nicht mehr greift, ist in der deutschen Gesellschaft bis heute immer noch die Vorstellung verbreitet, dass Deutschsein mit Weißsein gleichzusetzen ist. Dies zeigt, dass Anti-Schwarzer Rassismus nicht auf institutionalisierte Formen der Diskriminierung begrenzt ist. Es gibt auch alltägliche Mikroaggressionen, die aus Vorurteilen gegenüber Schwarzen Menschen resultieren. Dieser Text enthält einige grundlegende Erkenntnisse zur komplexen Dynamik des Anti-Schwarzen Rassismus. (MGM)

Kosmos Kara Walker

Mit nachdenklicher Geste blickt eine Frau ihrem Gegenüber direkt in die Augen. Wenige Linien und Schraffuren reichen aus, um ihre Gestalt plastisch wirken zu lassen. Die Zeichnung zeigt Kara Walker selbst – eine der profiliertesten US-amerikanischen Künstlerinnen der Gegenwart. Der programmatische Schriftzug „Only I can solve this“ (dt. „Nur ich kann das lösen“) ist zugleich auch Titel der Werkserie, zu der diese Arbeit gehört: „Only I Can Solve This (The 2016 Election)“. Sie besteht aus 21 Blättern und vereint sowohl Zeichnungen als auch textbasierte Arbeiten, in denen Walker ihre Gedanken zu den Präsidentschaftswahlen 2016, dem Aufstieg der rassistischen Rhetorik nach dem Abgang von Präsident Barack Obama, der unerbittlichen Polizeigewalt gegen Schwarze Menschen in den USA und andere Themen ausdrückt.

Blatt aus der Serie „Only I Can Solve This (The 2016 Election)“, 2016 mit 31 Werken

Diese Serie ist Teil des persönlichen zeichnerischen Archivs der Künstlerin. Erstmals für die Ausstellung KARA WALKER. A BLACK HOLE IS EVERYTHING A STAR LONGS TO BE macht sie es der Öffentlichkeit zugänglich und gibt damit den Blick frei auf eine Fülle von über 650 Werken der letzten 28 Jahre. Viele der Arbeiten sind ohne die Absicht entstanden, diese auszustellen. Andere schienen Walker bisher zu privat und provokativ für die Öffentlichkeit. Skizzen, Collagen, Scherenschnitte, mehrere Meter lange Papierrollen, intime Notizen und Traumaufzeichnungen neben gesammelten Zeitungsausschnitten und Werbematerialien – es entfaltet sich ein ganzer Bildkosmos, in dem alles miteinander vernetzt ist. Immer wieder bezieht sich Kara Walker auf historische wie aktuelle Ereignisse – vom Transatlantischen Menschenhandel bis zu der Bewegung Black Lives Matter. Auf drastische Weise greift sie politische, historische und sexuelle Themen auf und hinterfragt diese im Hinblick auf ihre Stereotypen. Dabei macht sie bis heute anhaltende Konflikte sichtbar und untersucht zugleich die Entstehung ihrer eigenen Identität im geschichtlichen und kulturellen Kontext.

"Ich glaube, die äußere Erscheinung erhält eher sehr viel Aufmerksamkeit. Schwarz, amerikanisch und eine Frau zu sein, alle diese unterschiedlichen Vorstellungen, die man von sich selbst hat. Aber dann ist da noch die Freude am Dasein."

Kara Walker

EINE ANDERE GESCHICHTSERZÄHLUNG

Eine andere Geschichtserzählung

THE EPIDEMIC, 2018, WERK AUS DER SERIE “THE GROSS CLINICIAN PRESENTS: PATER GRAVIDAM”, 2018 MIT 38 WERKEN

Sie sei eine „unzuverlässige Erzählerin“ (engl. „unreliable narrator“), sagt Kara Walker von sich selbst. Damit meint sie, dass sie in ihren Werken Versionen von Ereignissen präsentiert, die nicht dem Wissen des Geschichtsunterrichts der eurozentrisch geprägten weißen Dominanzgesellschaft entsprechen. Andere Darstellungen sind schlichtweg Erfindungen von ihr.

Die Künstlerin dreht Perspektiven um, erfindet alternative Versionen oder stellt sarkastisch-provokative Thesen in den Raum. So schreibt sie beispielsweise „The right side of history“ (dt. „Die richtige Seite der Geschichte“) über den enthaupteten Kopf eines Schwarzen Menschen. Sie nutzt mitunter drastische Mittel der Übertreibung und der Zuspitzung, fokussiert aber auch auf nur scheinbar harmlose Details. Kara Walker greift formal Themen aus einem klassisch-eurozentrischen Bildungskanon auf, in die sie aber Details historischer Ereignisse oder zeitgenössischer Geschichte einschreibt. Dadurch überrascht sie mit einer alternativen Perspektive, wie beispielsweise in Werken, die den ehemaligen US-Präsidenten Barak Obama in das Zentrum stellen.

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Allegory of the Obama Years by Kara E. Walker, 2019

Zwischen dunklen Gewitterwolken scheint der ehemalige Präsident als Lichtgestalt der Black Community der USA hindurch, die hier durch eine Schwarze Frau verkörpert wird. Aber waren die Errungenschaften seiner Präsidentschaft so nachhaltig, dass das Unwetter sich lichten wird? Oder entfernt sich Obama vielmehr von der Frau und stellt sich als historische Ausnahmeerscheinung heraus?

Barack Obama as „An African“ With a Fat Pig (by Kara Walker), 2019

Klischeehaft thront der Ex-Präsident mit aufgestelltem Speer und in ein Leopardenfell gekleidet auf einem toten Schwein – Kara Walker ironisiert den neokolonialen Blick der politisch Konservativen. Diese warfen Barack Obama vor, nicht von US-amerikanischer Herkunft und somit als Präsident nicht legitimiert zu sein. Durch die absurde Darstellung positioniert sich Walker eindeutig zu den Vorwürfen. 

Barack Obama Tormented Saint Anthony Putting Up With the Whole „Birther“ Conspiracy, 2019

Dämonen zerren an Barack Obama, schlagen auf ihn ein, foltern ihn. Kara Walker wählt für diese Darstellung als Vorbild die „Versuchung des Hl. Antonius“ des spätmittelalterlichen Künstlers Martin Schongauer. Der Titel verrät, dass Obamas Dämonen die Verschwörungserzählung um seine vermeintlich nicht-amerikanische Herkunft sind.

Barack Obama as Othello „The Moor“ With the Severed Head of Iago in a New and Revised Ending by Kara E. Walker, 2019

Barack Obama mit Donald Trumps abgeschlagenem Kopf auf dem Schoß? Die Künstlerin inszeniert Obama als Othello, die Hauptperson in Shakespeares gleichnamigen Stück, und Trump als seinen intriganten Widersacher Iago. Anders als in Shakespeares Drama wird bei Kara Walker Iago durch Othello für seine Verbrechen mit dem Tod bestraft. Walker verändert also das klassische Stück in dieser Gegenwartsversion entscheidend und entgegen der mit ihm einhergehenden Rollenklischees.

Allegory of the Obama Years by Kara E. Walker, 2019

Zwischen dunklen Gewitterwolken scheint der ehemalige Präsident als Lichtgestalt der Black Community der USA hindurch, die hier durch eine Schwarze Frau verkörpert wird. Aber waren die Errungenschaften seiner Präsidentschaft so nachhaltig, dass das Unwetter sich lichten wird? Oder entfernt sich Obama vielmehr von der Frau und stellt sich als historische Ausnahmeerscheinung heraus?

Barack Obama as „An African“ With a Fat Pig (by Kara Walker), 2019

Klischeehaft thront der Ex-Präsident mit aufgestelltem Speer und in ein Leopardenfell gekleidet auf einem toten Schwein – Kara Walker ironisiert den neokolonialen Blick der politisch Konservativen. Diese warfen Barack Obama vor, nicht von US-amerikanischer Herkunft und somit als Präsident nicht legitimiert zu sein. Durch die absurde Darstellung positioniert sich Walker eindeutig zu den Vorwürfen. 

Barack Obama Tormented Saint Anthony Putting Up With the Whole „Birther“ Conspiracy, 2019

Dämonen zerren an Barack Obama, schlagen auf ihn ein, foltern ihn. Kara Walker wählt für diese Darstellung als Vorbild die „Versuchung des Hl. Antonius“ des spätmittelalterlichen Künstlers Martin Schongauer. Der Titel verrät, dass Obamas Dämonen die Verschwörungserzählung um seine vermeintlich nicht-amerikanische Herkunft sind.

Barack Obama as Othello „The Moor“ With the Severed Head of Iago in a New and Revised Ending by Kara E. Walker, 2019

Barack Obama mit Donald Trumps abgeschlagenem Kopf auf dem Schoß? Die Künstlerin inszeniert Obama als Othello, die Hauptperson in Shakespeares gleichnamigen Stück, und Trump als seinen intriganten Widersacher Iago. Anders als in Shakespeares Drama wird bei Kara Walker Iago durch Othello für seine Verbrechen mit dem Tod bestraft. Walker verändert also das klassische Stück in dieser Gegenwartsversion entscheidend und entgegen der mit ihm einhergehenden Rollenklischees.

Allegory of the Obama Years by Kara E. Walker, 2019

Zwischen dunklen Gewitterwolken scheint der ehemalige Präsident als Lichtgestalt der Black Community der USA hindurch, die hier durch eine Schwarze Frau verkörpert wird. Aber waren die Errungenschaften seiner Präsidentschaft so nachhaltig, dass das Unwetter sich lichten wird? Oder entfernt sich Obama vielmehr von der Frau und stellt sich als historische Ausnahmeerscheinung heraus?

Barack Obama as „An African“ With a Fat Pig (by Kara Walker), 2019

Klischeehaft thront der Ex-Präsident mit aufgestelltem Speer und in ein Leopardenfell gekleidet auf einem toten Schwein – Kara Walker ironisiert den neokolonialen Blick der politisch Konservativen. Diese warfen Barack Obama vor, nicht von US-amerikanischer Herkunft und somit als Präsident nicht legitimiert zu sein. Durch die absurde Darstellung positioniert sich Walker eindeutig zu den Vorwürfen. 

Barack Obama Tormented Saint Anthony Putting Up With the Whole „Birther“ Conspiracy, 2019

Dämonen zerren an Barack Obama, schlagen auf ihn ein, foltern ihn. Kara Walker wählt für diese Darstellung als Vorbild die „Versuchung des Hl. Antonius“ des spätmittelalterlichen Künstlers Martin Schongauer. Der Titel verrät, dass Obamas Dämonen die Verschwörungserzählung um seine vermeintlich nicht-amerikanische Herkunft sind.

Barack Obama as Othello „The Moor“ With the Severed Head of Iago in a New and Revised Ending by Kara E. Walker, 2019

Barack Obama mit Donald Trumps abgeschlagenem Kopf auf dem Schoß? Die Künstlerin inszeniert Obama als Othello, die Hauptperson in Shakespeares gleichnamigen Stück, und Trump als seinen intriganten Widersacher Iago. Anders als in Shakespeares Drama wird bei Kara Walker Iago durch Othello für seine Verbrechen mit dem Tod bestraft. Walker verändert also das klassische Stück in dieser Gegenwartsversion entscheidend und entgegen der mit ihm einhergehenden Rollenklischees.

Allegory of the Obama Years by Kara E. Walker, 2019

Zwischen dunklen Gewitterwolken scheint der ehemalige Präsident als Lichtgestalt der Black Community der USA hindurch, die hier durch eine Schwarze Frau verkörpert wird. Aber waren die Errungenschaften seiner Präsidentschaft so nachhaltig, dass das Unwetter sich lichten wird? Oder entfernt sich Obama vielmehr von der Frau und stellt sich als historische Ausnahmeerscheinung heraus?

Barack Obama as „An African“ With a Fat Pig (by Kara Walker), 2019

Klischeehaft thront der Ex-Präsident mit aufgestelltem Speer und in ein Leopardenfell gekleidet auf einem toten Schwein – Kara Walker ironisiert den neokolonialen Blick der politisch Konservativen. Diese warfen Barack Obama vor, nicht von US-amerikanischer Herkunft und somit als Präsident nicht legitimiert zu sein. Durch die absurde Darstellung positioniert sich Walker eindeutig zu den Vorwürfen. 

Barack Obama Tormented Saint Anthony Putting Up With the Whole „Birther“ Conspiracy, 2019

Dämonen zerren an Barack Obama, schlagen auf ihn ein, foltern ihn. Kara Walker wählt für diese Darstellung als Vorbild die „Versuchung des Hl. Antonius“ des spätmittelalterlichen Künstlers Martin Schongauer. Der Titel verrät, dass Obamas Dämonen die Verschwörungserzählung um seine vermeintlich nicht-amerikanische Herkunft sind.

Barack Obama as Othello „The Moor“ With the Severed Head of Iago in a New and Revised Ending by Kara E. Walker, 2019

Barack Obama mit Donald Trumps abgeschlagenem Kopf auf dem Schoß? Die Künstlerin inszeniert Obama als Othello, die Hauptperson in Shakespeares gleichnamigen Stück, und Trump als seinen intriganten Widersacher Iago. Anders als in Shakespeares Drama wird bei Kara Walker Iago durch Othello für seine Verbrechen mit dem Tod bestraft. Walker verändert also das klassische Stück in dieser Gegenwartsversion entscheidend und entgegen der mit ihm einhergehenden Rollenklischees.

Zwischen dunklen Gewitterwolken scheint der ehemalige Präsident als Lichtgestalt der Black Community der USA hindurch, die hier durch eine Schwarze Frau verkörpert wird. Aber waren die Errungenschaften seiner Präsidentschaft so nachhaltig, dass das Unwetter sich lichten wird? Oder entfernt sich Obama vielmehr von der Frau und stellt sich als historische Ausnahmeerscheinung heraus?

"Als Schwarze Künstlerin kann ich gar nichts machen, das einfach wäre. Was auch immer ich tue, es wird immer politisch sein, ganz einfach wegen der Geschichte, die uns vorausgeht."

Kara Walker, 2000

In ihren Verfassungen postulieren demokratische Systeme das Ideal der Gleichberechtigung aller Menschen in allen Lebensaspekten, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Glaube, Hautfarbe und sozialem Gefüge. In der Realität ist dieser Zustand noch nie erreicht worden. Kara Walkers Arbeiten zeigen ungleiche Machtverhältnisse aus der Perspektive Schwarzer Menschen, mit Schwerpunkt auf den USA. Mit der Abschaffung von Versklavung und dem Sklavenhandel hat ein langsamer Prozess begonnen, der Schwarze Menschen der weißen Bevölkerung heute formal gleichstellt. Tatsächlich berichten die Medien aber fast täglich von Ungleichbehandlungen und Rassismus. Walker greift das auch in ihrem Blatt auf, das einen zornig-verzweifelten Mann unter der Aussage „It hasn’t been about slavery for years“ (dt. „Es geht seit Jahren nicht [mehr] um Sklaverei“) zeigt.

Werk einer Serie mit 44 Blättern, Ohne Titel, 2019

Widerstand gegen Unterdrückung

Wann immer Menschen durch andere Menschen oder Systeme unterdrückt wurden, erhob sich Widerstand. Dieser konnte in seinen Ausdrucksformen vielfältig und in seiner Wirkung unterschiedlich ausfallen. Widerstand muss nicht immer laut und gewaltvoll sein.

Während des 17. bis 19. Jahrhunderts, als die Versklavung von Menschen in den USA legal war, fanden beispielsweise mehr als 250 Aufstände durch versklavte Personen statt. Dies sind sicherlich die bekanntesten, nicht aber die einzigen Formen des Widerstands. Zahlreiche stillere Proteste, wie die Verlangsamung von Arbeitsprozessen, die Sabotage von Maschinen und dadurch die Verringerung des Profits der Kolonialherren oder auch Flucht müssen ebenfalls zum Widerstand gerechnet werden und sind in ihrer langfristigen Wirkung nicht zu unterschätzen.

Die formale Abschaffung von Versklavung und Sklavenhandel in den 1860er-Jahren in den USA war zwar ein Fortschritt, aber die Gleichstellung aller Menschen ist bis heute nicht erreicht. Und so lange dieses Ziel nicht erreicht ist, werden verschiedene Formen von Widerstand weiter existieren (müssen). Seit dem 20. Jahrhundert waren dies überwiegend Demonstrationen, Proteste und Boykotte, teils blutige Unruhen, aber auch die Gründung von Netzwerken und Interessensverbänden, wie beispielsweise der Bürgerrechtsbewegung oder Black Lives Matter. So wichtig der kontinuierliche Widerstand im Kampf um Gleichstellung ist, so frustrierend sind die andauernden Umstände, die Widerstand notwendig machen und denen die Betroffenen unfreiwillig ausgesetzt sind.


Zwischen Mythos und Realität

Kara Walker entwickelt im Animationsfilm die Scherenschnitt-Technik ihrer früheren Werke weiter. Der Film „8 Possible Beginnings or: The Creation of African-America, a Moving Picture by Kara E. Walker“ erzählt beispielsweise von der erzwungenen Überfahrt Schwarzer Menschen auf einem Sklavenschiff nach Amerika: Auf der Reise werden sie von einem Seemonster in Gestalt eines Mischwesens aus Mensch und Insel verschluckt, verdaut und ausgeschieden. Walker schafft in dieser skurrilen Erzählung einen Ursprungsmythos afroamerikanischer Identität, losgelöst von Fakten und in Anlehnung an barocke Personifikationen von Flussgöttern. Gleichzeitig changiert der Ozean zwischen Gefahr und charakterisierender Identitätsstiftung: Er verbindet und trennt den Kontinent Afrika mit bzw. von den Amerikas, die ursprüngliche Heimat der versklavten Menschen mit ihrer Diaspora. Darüber hinaus steht die Personifikation auch für den Ort, an dem Schwarze Menschen sterben – entweder weil sie dort ermordet werden, wie 1955 Emmett Till, oder weil sie den Gefahren der Flucht erliegen.

8 Possible Beginnings or: The Creation of African-America, a Moving Picture (Ausschnitt), 2005

Scherenschnitt – Eine trügerische Form

Die Kunst des Scherenschnitts stammte ursprünglich aus Nordchina. Von dort kam sie im 16. Jahrhundert nach Europa und erlangte dort in ihrer Blütezeit im 18. und 19. Jahrhundert große Beliebtheit im bürgerlichen Milieu. Scherenschnitte zeigten meist diffizil und kleinteilig gefertigte, liebliche Szenen im Biedermeierstil, aber auch im Profil angelegte Porträts aus schwarzem Papier, die auf weißem Grund montiert wurden. In Letzteren sind sie mit dem Schattenriss verwandt, bei dem statt ausgeschnittenem schwarzen Papier Umrisse mit schwarzer Farbe gefüllt wurden. Oft übten Frauen diese Technik zur gesellschaftlichen Unterhaltung in ihrer Freizeit aus. Sie konnte im häuslichen Umfeld praktiziert werden und benötigte außer einer Schere und Papier keine besonderen Materialien. 

Walker nutzt dieses Medium gerade, weil es formal und in seiner Geschichte so harmlos daherkommt. Das Publikum vermutet in Scherenschnitten schlichte, unterhaltsame Erzählungen und wird erst beim genauen Hinsehen durch die Drastik und die Satire in Walkers Schilderungen überrascht und mit den schockierenden Details ihrer Darstellungen konfrontiert.

"Die Arbeit ist schwierig, weil die Geschichte hart ist. Aber wollen Sie sie deshalb nicht sehen?"

Kara Walker 2017

Welche Perspektive findet Eingang in den geschichtlichen Kanon? Wer entscheidet, aus welchem Blickwinkel berichtet wird und wer in die Erzählung inkludiert wird? Und welche Rolle kann Kunst dabei spielen? Diese Fragen sind zentral für Kara Walkers Œuvre. Die Künstlerin präsentiert in ihren Werken ihre Perspektive auf Geschichte. Sie konfrontiert die Vergangenheit mit der Gegenwart und hinterfragt die Wahrhaftigkeit der Geschichtserzählung. Die Betrachterinnen und Betrachter werden dabei zur Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen, aber auch mit dem Zeitgeschehen aufgefordert. Wir haben sechs Personen gefragt, ob Sie ihre Gedanken zu den Werken von Kara Walker sowie zum Ausdruck „die richtige Seite der Geschichte“ mit uns teilen wollen.

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Enissa Amani,
Künstlerin und Menschenrechtsaktivistin

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Kelly Heelton,
Performer

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Pamela Lieb,
Über den Tellerrand Frankfurt e.V.

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Danny da Costa,
Fußballprofi

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Ismahan Wayah, Literaturwissenschaftlerin
und Kuratorin

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Deborah Krieg, Bildungsreferentin, Bildungsstätte Anne Frank

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Enissa Amani,
Künstlerin und Menschenrechtsaktivistin

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Kelly Heelton,
Performer

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Pamela Lieb,
Über den Tellerrand Frankfurt e.V.

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Danny da Costa,
Fußballprofi

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Ismahan Wayah, Literaturwissenschaftlerin
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Deborah Krieg, Bildungsreferentin, Bildungsstätte Anne Frank

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Enissa Amani,
Künstlerin und Menschenrechtsaktivistin

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Kelly Heelton,
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Pamela Lieb,
Über den Tellerrand Frankfurt e.V.

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Ismahan Wayah, Literaturwissenschaftlerin
und Kuratorin

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Deborah Krieg, Bildungsreferentin, Bildungsstätte Anne Frank

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Enissa Amani,
Künstlerin und Menschenrechtsaktivistin

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Kelly Heelton,
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Pamela Lieb,
Über den Tellerrand Frankfurt e.V.

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Danny da Costa,
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Ismahan Wayah, Literaturwissenschaftlerin
und Kuratorin

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Deborah Krieg, Bildungsreferentin, Bildungsstätte Anne Frank

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MISSVERHÄLTNIS DER MACHT

Missverhältnis der Macht

Untitled, 2018, WERK AUS DER SERIE “THE GROSS CLINICIAN PRESENTS: PATER GRAVIDAM”, 2018 mit 38 Werken

In Ihren Werken hinterfragt Kara Walker die Mechanismen von dominierenden Machtstrukturen immer wieder. Dabei schöpft sie aus verschiedenen Quellen, wie den Berichten von versklavten Menschen aus dem 19. Jahrhundert, historischen Texten und aktuellen Berichterstattungen. Die Künstlerin formt daraus eine Bildwelt, die die Gewalt gegen Schwarze Menschen und die Folgen von Machtmissbrauch zum Thema macht.

Die breit angelegte, panoramahafte Zeichnung „Yesterdayness in America Today“ aus dem Jahr 2020 vereint eine Reihe von Gestalten zu einem komplexen Geschehen. Der Werktitel nimmt Bezug auf das 1930 bis 1931 geschaffene zehnteilige Wandbild „America Today“ des US-amerikanischen Malers Thomas Hart Benton, das sich den sozialen und ökonomischen Entwicklungen der Zeit widmet. Zugleich greift er aber auch den Anachronismus der Trump-Ära auf: Er bringt die Frustration zum Ausdruck, in einer rückwärtsgewandten Ära gefangen zu sein, in der die seit 2013 aktive Bewegung Black Lives Matter immer noch erforderlich ist.

Yesterdayness in America Today, 2020

Verwendung von Stereotypen

In ihren Zeichnungen thematisiert Walker groteske rassistische Stereotype, die dem tiefsten Inneren der US-amerikanischen Gesellschaft entspringen. Sie entnimmt viele ihrer Motive rassistischen Memorabilia und den Minstrel Shows, musikalischen Aufführungen, bei denen weiße Menschen sich schwarz anmalten und das Publikum mit tollpatschigem Verhalten unterhielten. Bekannt ist beispielsweise die Figur des Mandingo, ein unersättlicher Mann mit riesigem Penis, der bis ins 19. Jahrhundert in den USA als Lustobjekt für die weiße Dame galt. Das weibliche Pendant zu Mandingo ist die hypersexuelle Jezebel, die stets laut und dominant auftritt. Auch das Klischee der unkontrollierbaren Wildheit und Gefährlichkeit der Schwarzen Frau greift Walker in ihren Werken immer wieder auf. Mithilfe dieser völlig übertrieben und absurd wirkenden Stereotypen erinnert die Künstlerin nicht nur an die schmerzhafte Geschichte der Versklavung in den USA. Sie zeigt auch, wie tief diese Figuren immer noch im Unterbewusstsein von weißen und Schwarzen Menschen verankert sind. Die Zeichnungen Walkers konfrontieren uns mit dem rassistischen Blick auf den Körper Schwarzer Menschen. Sie fordern uns zur Auseinandersetzung mit dem Geschehen auf und machen deutlich, dass der „neutrale Blick“ nicht existiert.

„The Welcoming Committee“ gehört zu der 38-teiligen Zeichnungsserie „The Gross Clinician Presents: Pater Gravidam“. Walker hält die Szene in verschiedenen Brauntönen fest, gehöht mit weißer Farbe. Die Figuren sind skizzenhaft dargestellt, der Hintergrund nur angedeutet. Die Arbeit erinnert in Ausführung und Motiven an die Zeichnungen aus dem 15. Jahrhundert, ist jedoch stark im Heute verankert. Inhaltlich greift die Künstlerin auf das seit der frühen Neuzeit bekannte Sujet der Sezierbilder zurück. Auf dem Operationstisch liegt jedoch kein Patient, sondern ein Skelett, das sich windet, als hätte es Schmerzen. Walkers Zeichnung nimmt Bezug auf die Störung der Totenruhe von afroamerikanischen Leichen und ihre Ausbeutung für anatomische Studien an medizinischen Fakultäten im 19. Jahrhundert. Der kleine Mann am Kopf des Tisches erinnert an den Leichenräuber Chris Baker, der zunächst versklavt, später aber Komplize der Ärzte am Medical College von Virginia war.

Um den Tisch herum stehen weiße Männer in Arztkitteln. Zu sehen sind aber auch die Zeugen und Opfer von rassistischer Gewalt, z. B. die lamentierende „Mammy“ aus der Zeit vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg, die junge Schwarze Frau mit einem neugeborenen Kind sowie die Figur im Vordergrund mit Kapuzenjacke. Diese scheint aus unserer Gegenwart zu stammen und erinnert an den 17-jährigen Schwarzen Schüler Trayvon Martin, der aufgrund seines „verdächtigen Aussehens“ 2012 erschossen wurde. Dieser Vorfall führte zu landesweiten Demonstrationen gegen rassistische Diskriminierung und Polizeiwillkür und nicht zuletzt zu der Bewegung Black Lives Matter. Walker verknüpft somit die verschiedenen historischen Ebenen mit der aktuellen gesellschaftlichen Situation und verhandelt dabei ihre eigene künstlerische Identität im Rahmen kunsthistorischer Traditionen.

The Welcoming Committee, 2018, Werk aus der Serie „The Gross Clinician Presents: Pater Gravidam“, 2018 mit 38 Werken
  • Thomas Eakins, Die Klinik Gross, 1875
  • Rembrandt van Rijn, Die Anatomie des Dr. Tulp, 1632

"Meine Arbeit war schon immer eine Zeitmaschine, die mich Jahrzehnte und Jahrhunderte zurück katapultierte, um zu einem Verständnis meines Platzes im aktuellen Augenblick zu gelangen."

Kara Walker

Wissenschaftlicher Rassismus

Historisch gesehen ist die Sezierung von Schwarzen Körpern ein wesentlicher Bestandteil des wissenschaftlichen Rassismus. Lange war er sogar entscheidend für die Rechtfertigung von Rassismus und rassistischen Praktiken. In Anti-Schwarzen Kontexten wurde jener wissenschaftliche Rassismus herangezogen, um Anti-Schwarze Vorstellungen und Praktiken zu untermauern und zu legitimieren. Sie waren in dem Glauben verwurzelt, dass Schwarze Menschen weniger wert sind als nicht-Schwarze Menschen. Dies hat nicht nur zu einer kontinuierlichen Dehumanisierung Schwarzer Menschen geführt, sondern auch zur Verstärkung rassistischer Hierarchien, in denen sie unten und weiße Menschen an der Spitze positioniert waren. Ein Beispiel für wissenschaftlichen Rassismus im deutschen Kontext sind die Studien des deutschen Wissenschaftlers Samuel Thomas Soemmerring aus dem 19. Jahrhundert. Diese Studien dienten vor allem als wissenschaftliche Evidenz zur ‚Rassentheorie‘ von Immanuel Kant und wurden später auch für die Legitimierung kolonialer Missionen und der NS-Herrschaft angeführt. In „Über die körperliche Verschiedenheit des M* vom Europäer“ kommt Soemmerring zu dem Schluss, dass Schwarze Menschen zwar menschlich seien, sich aufgrund ihrer physischen Nähe zu Affen aber von weißen Europäerinnen und Europäern unterschieden. Auch wenn bekannt ist, dass Soemmering die Leichen 50 Schwarzer Menschen benutzte, die in der Villenkolonie Mulang in Kassel lebten und arbeiteten. Wo sich die körperlichen Überreste dieser Menschen befinden, ist unbekannt.
Obwohl Soemmerings Behauptungen längst eindeutig widerlegt sind, muss man sich darüber im Klaren sein, dass der ihnen innewohnende Rassismus weiterhin Einfluss auf die Sichtweisen von Menschen hat. Pseudowissenschaftlich untermauerte Vorstellungen der Minderwertigkeit Schwarzer Menschen kommen auch heute noch zum Tragen, wenn Armut in Schwarzen Gemeinschaften als unmittelbare Folge einer biologischen Minderwertigkeit betrachtet wird. Ein anderes Beispiel ist die Behauptung, dass der Erfolg Schwarzer Athletinnen und Athleten ihrer vermeintlichen physischen Überlegenheit zuzuschreiben sei. (MGM)

Die Serie „The Gross Clinician Presents: Pater Gravidam“ basiert auf einer Verdichtung von historischen und aktuellen Themen. Sie sind verwoben mit kunsthistorischen Referenzen. So bezieht sich Kara Walker in der Zeichnung „‘merica“ auf „Guernica“ von Pablo Picasso. Sowohl die Bildkomposition als auch das Zusammenbringen menschlicher, aber auch tierischer Protagonisten weisen Ähnlichkeiten mit Picassos Werk auf. Letzteres entstand 1937 als Reaktion auf die Zerstörung der Stadt Guernica während des Spanischen Bürgerkrieges und gilt als ein Manifest gegen Krieg, Gewalt und Terror. Auch Walker kreiert eine Szene, die uns zur Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt anregt, jedoch in einem anderen Kontext.

Sie zeigt auf der rechten Seite einen Mann, der zwei ihm scheinbar unterlegene Figuren mit Hand und Fuß unter sich hält und das Geschehen mit einer Smartphone-Kamera filmt. Links ist eine Kampfszene abgebildet. Eine Frau weicht erschrocken zurück, eine andere, am rechten Bildrand, beobachtet besorgt die Szenerie. Augenfällig ist ihre unnatürliche, verdrehte Körperhaltung mit am Rücken verschränkten Armen. „‘merica“ im Titel des Werkes ist ein abwertender Slang-Ausdruck für „America“. Er spielt auf die stereotypen Vorstellungen vom übertriebenen Patriotismus bestimmter Teile der US-amerikanischen Bevölkerung an. Die Zeichnung Walkers zeigt jedoch keine patriotische Szene, sondern ruft bittere Assoziationen mit Straßenkämpfen und Polizeigewalt hervor.

‘merica, 2016, Werk aus der Serie „The Gross Clinician Presents: Pater Gravidam“, 2018 mit 38 Werken

Auch das 243,8 x 545,5 cm große dreiteilige Werk „Fealty as Feint (A Drawing Exercise)“ vereint verschiedene Szenen, in denen Gewalt ausgeübt wird. Die Figur auf dem stürzenden Pferd auf der rechten Bildseite trägt eine Art Ritterrüstung und ist mit Schwert und Schild bewaffnet. Die anderen überwiegend nackten Figuren kämpfen dicht nebeneinander. Relativ in der Mitte, uns mit ihrem Rücken zugewandt, steht eine Frau mit ausgestreckten Armen und blickt zum Himmel. Ihre Körperhaltung erinnert an den gekreuzigten Christus und spielt auf die Thematik des Märtyrertums an. Diese dramatisch-sinnliche Komposition hat trotz ihrer monumentalen Größe einen skizzenhaften Charakter. Sie erweckt dadurch den Eindruck, dass hier Ideen im Fluss sind. Durch die Offenheit ihrer Zeichnungen lässt Walker Raum für Partizipation und bietet dem Publikum die Möglichkeit, weiterzudenken.

Fealty as Feint (A Drawing Exercise), 2019

Ästhetik der Skizze

Das Bezugnehmen auf bestimmte historische Kunstepochen im Hinblick auf Stil und technische Ausführung der Werke ist Teil der künstlerischen Strategie Kara Walkers. So weist eine Reihe ihrer Arbeiten formale Ähnlichkeiten mit Zeichnungen früherer Epochen auf, genauer gesagt mit sogenannten Kartons, d. h. in Originalgröße hergestellten Vorlagen für Fresken. Bei diesen Vorlagen handelte es sich um vorbereitende Zeichnungen, die der Ausführung des „eigentlichen“ Werkes dienen und die Komposition sowie die einzelnen Figuren vorgeben sollten. Walkers Zeichnungen sind allerdings keine Vorlagen, sondern eigenständige Werke, die in ihrer Unvollständigkeit vollendet erscheinen. Walker macht sich die flüchtige Ästhetik der Skizze zunutze, um ihre Werke im traditionellen Diskurs zwischen ersten Ideen und hochvollendeten Zeichnungen zu positionieren. Die Frage, ob eine Skizze eines finalen Werks bedarf, stellten sich auch die Künstlerinnen und Künstler früherer Epochen. Die Zeichnung gilt seit der frühen Renaissance als Basis aller Künste, als Medium der Erfindung und direkteste Form der persönlichen Äußerung. Ab 1435 wurde der Begriff „Non-finito“ (dt. „unfertig“) in Verbindung mit den Handzeichnungen verwendet, die ab diesem Zeitpunkt als eigenständige Kunstform galten. Gleichzeitig wurde vorausgesetzt, dass das Publikum etwas, das nicht vollständig zeichnerisch formuliert wurde, „zu Ende sehen“ kann.

DER SEXUALISIERTE KÖRPER

Der sexualisierte Körper

OHNE TITEL, 2008

Die mit wenigen Pinselstrichen geschilderte Situation wirkt unangenehm: ein weißer Mann fällt von hinten geifernd über eine Schwarze Frau her. Die Frau selbst erträgt die Situation stoisch, mit starrem Blick.

Wir erfahren nichts Näheres über die dargestellten Personen. Kara Walker thematisiert hier den stereotypen weißen Mann, der sich Schwarzen Frauen überlegen fühlt und sie als sexualisiertes Objekt beherrschen möchte. Der Handlung des Mannes liegt dessen andere gesellschaftliche Stellung zugrunde. Diese kann einerseits nur auf seiner unwidersprochenen Annahme beruhen, sie kann aber – beispielsweise im Fall von Sextourismus in wirtschaftlich ärmere Länder – auch in strukturellen Abhängigkeitsverhältnissen oder der tatsächlich rechtlich schlechteren Stellung von Frauen und Mädchen bestehen.

Ohne Titel, 2008

Die Exotisierung Schwarzer Frauen, aber auch die Objektifizierung von Frauen grundsätzlich, ist gesellschaftlich noch immer weit verbreitet und äußert sich in unterschiedlichen Formen. Kara Walkers Archiv beinhaltet dazu auch Beispiele aus Deutschland.

  • Blatt aus einer Serie mit 13 Werken, ohne Titel, 2002–2003

    Für das Shooting des Pirelli-Kalenders 1998 wurde der nackte Körper des 19-jährigen sudanesischen Models Alek Wek mit schwarzem Latex übergossen. Das Material geht nahtlos in ihre Haut über, ihre Hautfarbe wird durch den Glanzeffekt zusätzlich verstärkt. Die Bild-Zeitung, die das Bild reproduziert, ergeht sich in dem dazugehörigen Text dementsprechend in exotisierenden Beschreibungen Weks wie auch anderer Schwarzer Frauen.

  • Blatt aus einer Serie mit 13 Werken, ohne Titel, 2002–2003

    Vor all den Anzeigen für sexuelle Telefondienstleistungen mutet der kleine Comic ironisch an, der ein Paar verniedlicht und mit Merkmalen des Kindchenschemas zeigt. Die Sexualisierung der Frau, wird als Thema aber auch in dieser Zeichnung verarbeitet, auch wenn über den objektifizierenden männlichen Blick behauptet wird, es sei Liebe.

“Ich folge meinen Gefühlen und was ich fühle ist grauenhaft. Ich agiere dabei auf die netteste vorstellbare Art.”

Kara Walker, 2015

Drei Gestalten sind in schnellen Strichen auf das Blatt gezeichnet. Eine der beiden trägt ein Fass als Kleid, das ihren Körper unförmig erscheinen lässt. Die andere mit nacktem Oberkörper hat männliche Genitalien anstelle von Gesichtszügen. Sie trägt das typische Kopftuch einer Mammy-Figur und hält einen Spiegel vor ihr Gesicht. Statt einer Nase, zeigt sich bei der dritten Person ein erigierter Penis.

Die Textfragmente oberhalb der Zeichnung greifen ebenfalls das Klischee der Mammy auf: die Schwarze Bedienstete weißer Familien, ausgestattet mit schlichtem Gemüt und großer Hingabe, Mütterlichkeit und Fürsorge, die die Bedürfnisse der weißen über ihre eigenen stellt. Die Mammy erscheint als der asexuelle Gegentypus zur sexualisierten, exotisierten Schwarzen Frau. Allerdings deutet Walker das Klischee in etwas Emanzipatorisch-Ermächtigendes um, in dem sie die Figur der Mammy als „Whetnurse to an unruly Republic“ (dt. "Nährmutter einer widerspenstigen Republik") bezeichnet. Bei dem Wortspiel um den Ammenhai (engl. "nurse shark") geht es es nicht um das Tier, sondern um den Widerspruch von „Amme“ und „Hai“.

Blatt aus 2015 Book, Serie mit 11 Werken, 2015

ZEICHNEN MIT WORTEN

Zeichnen mit Worten

Blatt aus der Serie „Ohne Titel“, 2002–2003 mit 13 Werken

Immer wieder bezieht Walker sprachliche Elemente wie einzelne Worte, Schriftzüge oder auch längere Texte in ihre Werke ein. Wortspiele und Mehrdeutigkeiten sind wichtige poetische Elemente ihrer Arbeiten. Die Künstlerin platziert sie manchmal plakativ, teils aber auch sehr subtil. Dabei nimmt Walker keine Rücksicht auf die Sensibilität des Publikums. Auch bei der Darstellung von Grausamkeiten gibt es in ihren Werken keinen Platz für Zurückhaltung.

Die lange Zeichnungsrolle mit dem Titel „Success and the Stench of Ingratitude“ zeigt verschiedene Szenen, begleitet von handschriftlichen Notizen und mit Schreibmaschine getippten Schriftzügen auf schmalen Papierstreifen. Auf zwei Szenen ist besonders hinzuweisen: Eine nackte Schwarze Frau kniet vor einem bekleideten weißen Mann. Macht ausstrahlend, stellt er seinen Fuß auf ihren Kopf, als ob es sich um einen Schuhputzschemel handelt. Die Frau putzt aber nicht, sondern erbricht sich auf den Schuh des Mannes. Der Widerstand gegen die Unterwürfigkeit und den alle Sphären des Lebens durchdringenden Anti-Schwarzen Rassismus bricht sich dadurch buchstäblich Bahn. Im weiteren Verlauf der Zeichnung ist ein Schachbrett zu sehen, das schwingend ein schwarzes, rundes Loch offenbart.

Der Satz, der die Szenerie begleitet, gab der Ausstellung ihren Titel: „A Black Hole Is Everything a Star Longs to Be“ (dt. „Ein Schwarzes Loch ist alles, was sich ein Stern zu sein wünscht“). Die Vorstellung von einem energiesaugenden Schwarzen Loch hat für Kara Walker eine programmatische Bedeutung. Dieses lässt alles implodieren und erschüttert die Grundfesten dessen, was die Wissenschaft erfassen kann. Es kann aber auch ein neues Universum gebären. Auch die Werke von Kara Walker zerren an dem „bekannten Universum“ der Kunstwelt und reklamieren Territorium für sich und die Perspektive einer Schwarzen Künstlerin. Zugleich bilden sie Materie für etwas Neues: den Kosmos Kara Walkers, in dem alles mit allem zusammenhängt und unabhängig von Größe und Form von gleicher Wichtigkeit ist.

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SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

SUCCESS AND THE STENCH OF INGRATITUDE, 2012

"Für mich ist jedes Fitzelchen Papier der Ereignishorizont – die Grenze zwischen der geordneten Welt und dem Chaos."

Kara Walker

Ein weißer Körper, der nur aus Beinen und zusammengewachsenen Unterleibern besteht, liegt am Boden. Aus seiner Mitte steigt ein Schwarzes Kind auf und blickt uns entgegen. Das Wort „Mankind“ (dt. „Menschheit“) steht neben dieser mit Wasserfarben und Tusche ausgeführten Zeichnung. Unterhalb des Bildes befindet sich ein mit Schreibmaschine getippter Text, in dem die sexuelle Gewalterfahrung einer Schwarzen Frau aufgegriffen wird. Kara Walker schreibt aus der Ich-Perspektive und übernimmt in diesem Blatt die Rolle der Unterdrückten. Damit schafft sie zugleich den Freiraum, alles sagen und zeichnen zu dürfen und entzieht durch diese sprachliche Selbstermächtigung den rassistischen Fremdbezeichnungen den Boden.

Diese Arbeit ist Teil der Serie „2015 Book“ und gehört zu einer Reihe von Werken, in denen Walker Traumaufzeichnungen sowie tagebuchartige Notizen veröffentlichte. Damit löst sie die Grenze zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen auf, vermischt aber auch bewusst Fakt und Fiktion.

Blatt aus der Serie „2015 Book“, 2015 mit 11 Werken

In einem Interview spricht Kara Walker vom Zeichnen mit Worten und greift die Frage auf, ob man Bilder wie Wörter lesen und Wörter wie Bilder fühlen kann. Ihre textbasierten Arbeiten sind Austragungsorte grafischer Denkprozesse. Sie regen zugleich die Imagination an und können in einen eindringen, um sich dort an einem ungemütlichen Fleck einzunisten.

  • Ohne Titel, 2011

    Dieses Blatt erinnert an eine Seite aus einem Comic-Heft und scheint auf den ersten Blick harmlos zu sein. Es versammelt jedoch Sprechblasen mit zum Teil drastischen, an eine Frau adressierten Aufforderungen und konfrontiert uns mit den Themen Sexismus und sexueller Missbrauch.

  • Blatt aus der Serie „Trolls“, 2012 mit 28 Werken

    „Ich bin kein Rassist! Nur ein Gemälde über rassistische Bestrebungen“ proklamiert der mit weißer Farbe auf schwarzem Hintergrund geschriebene Text. Diese Arbeit ist Teil einer Serie mit dem Titel „Trolls“. Als „Troll“ bezeichnet man eine Person, die mit ihren Kommentaren im Internet absichtlich Menschen verärgern oder verletzen will. Walker provoziert bewusst, referiert aber zugleich auf die Freiheit einer künstlerischen Arbeit, die nach ihren Gesetzen existiert und in ihrer potenziellen Offenheit frei ist.

Der folgende Text „Die Macht der Sprache“ enthält ein Kunstwerk, das aufgrund gewaltvoller Sprache auf Besucherinnen und Besucher verstörend wirken kann.

Die Macht der Sprache

Kara Walker bedient sich bewusst der politisch inkorrekten Sprache. Diese künstlerische Strategie hat immer wieder Kritik seitens BPoC (Black and People of Colour) hervorgerufen, die in Walkers Arbeiten die Ziele und Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung abgewertet sehen. Walker provoziert Unbehagen durch die Verweigerung einfacher Labels, teils auch um den Preis politischer Korrektheit. Aber sie fordert auch einen offenen und direkten Dialog zu verdrängten Themen. So spricht und schreibt Walker etwa aus, was als „N-Wort“ umschrieben wird. Der Schriftzug auf der Arbeit aus dem Jahr 2020 referiert auf den 2017 entstandenen Dokumentarfilm „I Am Not Your N-Wort“ von Raoul Peck. Ein unvollendetes Manuskript des US-amerikanischen Schriftstellers James Baldwin bildet die Grundlage für Pecks filmische Collage, die dem Rassismus in der US-amerikanischen Gesellschaft nachspürt und eine Geschichte des Rassismus und der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung im 20. Jahrhundert erzählt.

I Am Not My Negro, 2020

Immer wieder greift Walker auf das Medium Collage zurück. Dieses Blatt ist Teil einer Serie, die sich der Geschichte des US-amerikanischen Bürgerkrieges widmet. Zu den Folgen dieses militärischen Konflikts zwischen den Süd- und Nordstaaten von 1861 bis 1865 zählen die endgültige Abschaffung von Versklavung und Sklavenhandel in den USA und die Stärkung der Zentralregierung. Als Grundlage für ihre künstlerische Auseinandersetzung nutzte Kara Walker illustrierte Seiten aus „Harper's Pictorial History of the Civil War“, auf denen sie Textfragmente und Bilder collagierte. Im oberen Teil dieses Blattes ist ein Wachtpostenstand nahe der Stadt Ringgold zu sehen, im unteren die Stadt selbst. Überlagert werden diese Darstellungen von Textfragmenten, die uns scheinbar in eine andere Realität überführen. „Schwarze Mädchen sind immer am Verzweifeln, singen ihren wehmütigen Blues über Liebe, Verlust usw.“ – die Sätze rufen imaginative Bilder hervor, die realer zu sein scheinen als das, was tatsächlich abgebildet ist. Sie erzählen ihre Geschichte, die auf diesen offiziellen Blättern ursprünglich keinen Platz hatte.

Die Herausgeber des 1866 erschienenen Buches Alfred H. Guernsey und Henry M. Alden postulierten im Vorwort: „Wir haben von Anfang an vorgeschlagen, die Ereignisse so zu schildern, wie sie sich zugetragen haben; [...] niemanden übermäßig zu loben, weil er nach dem Rechten strebte, niemanden zu verleumden, weil er nach dem Unrechten strebte.“ Indem Walker in die Abbildungen eingreift, hinterfragt sie die Wahrhaftigkeit der Erzählung, konfrontiert die Vergangenheit mit der Gegenwart und setzt die Geschichte in einen neuen Kontext.

Blatt aus der Serie „Ohne Titel“, 2001 mit 6 Werken

Outro

OHNE TITEL, 2008

Die vielseitigen und virtuosen Arbeiten aus Walkers Archiv bestechen durch ihren Aktualitätsbezug. Gleichzeitig lassen ihre Direktheit und Brutalität manchmal den Atem stocken. Das Werk der Künstlerin legt unmittelbar offen, warum historische Ereignisse bis heute nachwirken und wie unsere Gegenwart mit der Vergangenheit verknüpft ist. Im Umgang mit heutigen Konflikten, so wird deutlich, werden gesellschaftlich die Weichen für die Zukunft gelegt.

„Die Geister aus meinem Archiv sollten herauskommen und sich mit neuen Zeichnungen vermischen, vielleicht zu einer Supernova, in einer Überfülle, die an die Büchse der Pandora erinnert und an meinem eigenen bekannten Universum zerren könnte.“

Kara Walker, 2021

Geheim
Tipp

Die US-amerikanische Sängerin und Schauspielerin Lil’ Kim steht inmitten einer in dunklen Tönen gehaltenen Landschaft. Die provokante Kleidung ruft ihren Auftritt 2001 bei den Source Hip-Hop Music Awards im Jackie Gleason Theater in Florida in Erinnerung. Kara Walker entreißt das Foto von Lil’ Kim seinem üblichen Kontext und präsentiert es in einem ungewohnten Zusammenhang. Damit kreiert sie eine neue Erzählung und macht auch dieses popkulturelle Motiv zum festen Bestandteil ihres Bildkosmos.

Blatt aus der Serie „Ohne Titel“, 2002–2004 mit 24 Werken

Credits

TEXTE: CHANTAL ESCHENFELDER, MARNY GARCIA MOMMERTZ (MGM), LAURA HEEG, OLGA SCHÄTZ; SENSIBLES LEKTORAT: ELISABETH WELLERSHAUS; KORREKTORAT: DOROTHEE KÖHLER; ÜBERSETZUNG: JEREMY GAINES; GESTALTUNG: HENNE & ORDNUNG; PROGRAMMIERUNG: AFKM; BERATUNG DURCH CONTEMPORARY AND (C&)

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